Werte & Erfolg verbünden sich
Wirtschaften heisst Werte schaffen – neben rein ökonomischen auch immaterielle, ethische Werte. Die Öffentlichkeit erwartet von den Unternehmen und den Führungskräften, dass sie vermehrt Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen.

» Von , 16.04.2012 08:50.
Der Autor ist freier Journalist. Der Beitrag ist ein Auszug aus dem SKO-LEADER, dem Verbandsmagazin der Schweizer Kader Organisation SKO.
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Wirtschaftsskandale, Abzockereien und die globale Finanzkrise haben das Vertrauen in die soziale Verantwortung erheblich geschädigt. Firmenpleiten – oft auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen – haben die Öffentlichkeit enorm für das ethische Verhalten von Führungskräften sensibilisiert. Entsprechend sind die moralischen Ansprüche der Bevölkerung gestiegen, nicht nur gegenüber dem Management von Unternehmen, auch bei Finanz- und Anlageprodukten.
Die gegenwärtige Krise bewirkt aber auch das Gegenteil: Laut einer Studie von Ernst & Young (European Fraud Survey, Mai 2009) hat sich unter Mitarbeitenden in europäischen Unternehmen eine «erschreckende Toleranz» gegenüber unethischem Verhalten breitgemacht. Befragt wurden 2200 Beschäftigte europäischer Grossbetriebe. Jeder Fünfte befürwortet Bestechungsgelder, wenn ein Betrieb damit den Zuschlag für ein Geschäft gewinnt. 2 Prozent halten sogar Bilanzfälschung für legitim, um Arbeitsplätze und das Überleben zu sichern. 38 Prozent meinen, das Betrugsrisiko sei beim oberen Management am grössten; 36 Prozent nannten das mittlere Management. Dieser Moralzerfall ist typisch für wirtschaftliche Krisenzeiten. Wenn es ums eigene Überleben geht, bleibt die Ethik auf der Strecke. Der wachsende Druck, der auf den Unternehmen lastet, sowie die Angst der Manager, selber über die Klinge springen zu müssen, lassen befürchten, dass Betrügereien weiter zunehmen.
Ethik durch Regulierung...
Wirksam gegensteuern könnten nur starke Regulierungsbehörden. «Letztlich liegt die zentrale moralische Verantwortung für ethische Prinzipien in der Wirtschaft beim Staat. Staatliche Regelungen verhindern, dass Unternehmen einseitig Kosten für ethisches Verhalten übernehmen müssen», sagt Prof. Peter Schaber vom Ethik-Zentrum der Universität Zürich. Doch die ethische Steuerung der Wirtschaft ist durch die Globalisierung in eine Krise geschlittert. In einem globalisierten Umfeld hat der nationale Gesetzgeber nur noch wenige Möglichkeiten einzugreifen. Es fehlen die Instanzen, die ethische, ökologische sowie soziale Spielregeln für die Wirtschaft durchsetzen. Die Folge: Ein Weltmarkt ohne Ethik erbringt laufend Fehlleistungen.
... oder durch Selbstverantwortung
Auf der anderen Seite lässt sich in der Wirtschaft vermehrt ethische Selbstverantwortung feststellen. Immer mehr Unternehmen beginnen eigenständig, ihre wirtschaftlichen Prozesse ethisch zu steuern. Sie tun dies freiwillig und mit der berechtigten Hoffnung auf unternehmerischen Erfolg. Denn durch verbindliche Ethikstandards, Codes of Conduct, entsprechende Zertifizierungen oder eine ethisch orientierte Corporate Governance können sie ihr Image aufpolieren. Das wiederum schafft Wettbewerbsvorteile auf den Märkten. Solche Ethikstandards sind für Peter Schaber von grosser symbolischer Bedeutung: «Das Unternehmen unterwirft sich selbst Standards, von denen es sich nicht einfach wieder entbinden kann, ohne Gefahr zu laufen, einen grossen Reputationsverlust zu erleiden.» Deshalb gilt auch hier: Die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens wird letztlich an seinen Taten gemessen, Worte allein genügen nicht.
Wie man fair zusammenlebt
Was will eigentlich Ethik? Ethik ist die Lehre vom sittlichen Handeln des Menschen in verschiedenen Lebenssituationen. Sie befasst sich mit moralischen Fragen, zum Beispiel, wie sich die Menschen verhalten sollen, damit sie ein gutes Leben führen. Dabei geht es um Werte und Normen wie das Recht auf Leben, die Achtung der Menschenwürde, die Gleichbehandlung der Menschen, die Unterstützung Not leidender Menschen, eine gerechte Entlohnung oder das persönliche Bemühen um das Gemeinwohl. Ethik reflektiert, klärt und begründet solche Normen und Werthaltungen.
Womit soll man Geld verdienen?
Wirtschaftssysteme basieren naturgemäss auf Motiven, die moralisch durchaus fragwürdig sind. Geiz und Neid sind eben nicht bloss Laster, sondern auch wirtschaftliche Stimulanzien. Ein wirtschaftliches System kann also nur in dem Ausmass gut sein, in dem es sich menschliche Schwächen zugunsten des allgemeinen Wohlergehens zunutze machen kann. Die Charaktereigenschaften, die im freien Markt am höchsten belohnt werden, sind unternehmerischer Mut, die Bereitschaft, etwas zu riskieren und zu spekulieren, sowie die Fähigkeit, Gelegenheiten zu ergreifen oder Neues zu erschaffen.
Leistung und Ethik schliessen einander dabei nicht aus. Das Streben nach Gewinn ist schliesslich nicht grundsätzlich abzulehnen. Es soll vielmehr hinterfragt werden, mit welchen Mitteln Unternehmen diesen Gewinn erwirtschaften. Unternehmen müssen sich selbstkritisch auseinandersetzen mit Diskriminierung von Mitarbeitenden, Kinderarbeit, Korruption, Bestechung oder dem Nichteinhalten von Sozialstandards in Ländern der Dritten Welt. Die Wirtschaftsethik versucht, verschiedenen Interessen gerecht zu werden. Sie will dadurch verhindern, dass lediglich ein einzelner Aspekt des Wirtschaftens in den Vordergrund gerückt wird, beispielsweise die Maximierung des Shareholder-Value.
Ethik in der Unternehmenspraxis
Unternehmen müssen die Werte klar festlegen, nach denen die Manager und sie selber sich richten sollen. Sie brauchen zudem ein System, nachdem sie das ethische Verhalten von Führungskräften auf allen Stufen beurteilen können. Ein solches Ethik-Management-System beinhaltet nicht nur anleitende Werte, Regeln und Prozesse, sondern auch Kontrollmechanismen und Sanktionen. Ohne Sanktionsmöglichkeiten bleiben Business Ethics weitgehend wirkungslos. Ein Beispiel: Natürlich darf ein Unternehmen von seinen Mitarbeitenden erwarten, dass sie keine Arbeitsmittel entwenden. Andererseits muss es den Mitarbeitenden aber auch deutlich machen, welche Konsequenzen drohen, wenn sie gegen diese Regel verstossen. Ethisches Handeln im Management orientiert sich stark am Verhalten von Vorbildern, an glaubwürdigen und standfesten Menschen mit Ausstrahlung. Es gibt in der Praxis nicht nur ethisches oder unethisches Handeln, sondern viele Schattierungen. Und es gibt keine Gewähr dafür, dass ein Handeln gut ist. Ethisches Handeln führt nicht automatisch zu wirtschaftlichem Erfolg. Aber es gibt innere Befriedigung, so viel steht fest.




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