Über den Daumen gepeilt
Das Schätzen ist ein erster entscheidender Erfolgsfaktor für IT-Projekte. Ein methodisch gut abgestütztes, aber praxistaugliches Schätzverfahren wahrt die Interessen aller Projektbeteiligten.

» Von , 01.07.2010 06:00.
Marcel Altherr und Holger Wolff sind beide Geschäftsführer der MaibornWolffetal mit Sitz in München, Frankfurt und Bern
Voraussagen sind schwierig, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen.» Das Bonmot von Mark Twain gilt auch für alle, die eine Schätzung für IT-Projekte abgeben müssen. Das Schätzen von Zeit und Kosten eines Projekts ist oft der erste Lackmustest im Verhältnis von Dienstleister und Auftraggeber mit möglicherweise fatalen Folgen für den weiteren Verlauf des Projekts. Eine robuste Schätzung liegt daher im Interesse aller Beteiligten. Dabei stehen die Antworten auf zwei Fragen im Mittelpunkt:
- Zeitpunkt der Schätzung
- Verwendete Schätzmethodik
Der Schätzzeitpunkt
Zwei prinzipiell unterschiedliche Vorstellungen über das Wesen von Projekten bestimmen den gültigen Schätzzeitpunkt: das prädiktive (berechenbare) und das adaptive (wandelbare) Modell. Das traditionelle prädiktive Modell widerspiegelt das klassisch mechanistische Wirklichkeitsverständnis der industriellen Fertigung: Projekte bestehen aus einer Sequenz von einzelnen in sich abgeschlossenen Phasen, deren Abarbeitung nach vorgegebenem Plan das Erreichen eines genau definierten Resultats bzw. der Zwischenresultate (Meilensteine) garantiert. Alle Informationen zu den Projektaktivitäten und deren Interdependenzen sind in diesem Vorstellungsmodell bereits in der Planungsphase vollständig vorhanden. Damit kann der relevante Schätzzeitpunkt für eine abschliessende vertragliche Festlegung relativ früh im Projektverlauf bestimmt werden. Das eigentliche Projekt besteht dann lediglich noch aus der realweltlichen Durchführung eines vorgegebenen Plans.
Leider richtet sich die Realität aber nicht immer nach den Vorstellungen, die man sich von ihr macht. Die Erfahrung lehrt, dass der nicht planbare Anteil bei den meisten IT-Projekten wesentlich grösser ist als der planbare. Die tatsächliche, aber oft unterschätzte Komplexität von IT-Projekten widerspiegelt sich in der Folge in entsprechenden Budgetüberschreitungen, Qualitätseinbussen und Terminverschiebungen. Diese zuweilen als Software-Krise betitelten Erfahrungen begründeten in den letzten Jahren eine neue Vorstellung vom Wesen von Software-Entwicklungsprojekten: Projekte werden in dieser Denkschule als komplexe dynamische Systeme mit inhärent limitiertem Voraussagehorizont verstanden. Schätzwerte basieren dabei hauptsächlich auf den aktuellen Bedingungen im Projekt selbst und werden iterativ über die gesamte Projektdauer ermittelt und in dessen Verlauf auch zunehmend präziser.
Die Schätzmethodik

Marcel Altherr, MaibornWolffetal
Die Befürworter des adaptiven Modells setzen dagegen eher auf empirische Verfahren:
- Die Expertenschätzung, bei der eine oder mehrere Fachpersonen das Projekt aufgrund ihrer Erfahrung schätzen.
- Das Analogieverfahren beruht auf der Kombination von Daten vergleichbarer Projekte.
- Das Prozentsatzverfahren, das einzelne Projektphasen relativ zueinander abschätzt.
Die Expertenschätzung ist die bei Weitem am häufigsten eingesetzte Variante. Liegt das einzig an der relativen Einfachheit der Methode? Fehlt den Firmen das Fachwissen über die algorithmischen Methoden und schrecken Unternehmen deshalb davor zurück, Zeit und Geld in dieses Verfahren zu investieren? Die Antwort ist einfach: Es lohnt sich nicht. Es gibt keine Hinweise dafür, dass die aufwendigen und somit teuren algorithmischen Methoden bessere Schätzresultate liefern als die empirischen. Verschiedene Studien verweisen sogar eher auf das Gegenteil. Der pragmatische Projektmanager wird sich also auf die Expertenschätzung fokussieren.
Lösung für das Schätzdilemma
Damit ist aber das Schätzdilemma nicht gelöst. Je früher eine verbindliche Schätzung erfolgen muss, desto grösser ist deren Unschärfe. Der Vergleich mit der Wetterprognose drängt sich auf: Ob es morgen regnet, lässt sich mit grosser Wahrscheinlichkeit vorhersagen, aber ob in 20 Tagen die Sonne scheinen wird, ist eine Aussage, die nur Wetterpropheten, aber nicht seriöse Meteorologen wagen würden. Das Schätzdilemma kann per se nicht aufgelöst werden. Das im Folgenden beschriebene Vorgehen schafft aber die Voraussetzungen für eine bestmögliche Schätzung.







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