Schweizer Arbeitnehmer unter Druck

Die Arbeitsbelastung in Schweizer Firmen hat zugenommen, die Work-Life-Balance hat sich verschlechtert. Viele wünschen sich flexiblere Arbeitszeitmodelle sowie eine leistungsabhängige Entlohnung.

» Von Susann Klossek , 12.08.2016 08:30.

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Auch wenn jeder zweite Arbeitnehmer in der Schweiz mit seinem Job zufrieden ist, sehen sich viele einem immer grösseren Druck ausgesetzt. Für rund die Hälfte (51% Männer, 45% Frauen) haben die Anforderungen am Arbeitsplatz in den letzten Jahren zugenommen, für jeden Siebten sogar stark. Das sind Ergebnisse eine Jobstudie von Ernst & Young (EY), für die das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen 1000 Beschäftigte in der Schweiz befragt hat. Die Belastung hat gleichermassen im Öffentlichen Dienst (48%), bei Verbänden (49%) und in der Privatwirtschaft (47%) zugenommen.



Für die Zunahme der Anforderungen sind zahlreiche Faktoren verantwortlich: «So ist die Kommunikation durch E-Mail, Chat und Messenger-Dienste intensiver geworden, und der Druck auf Mitarbeitende, ständig erreichbar zu sein, steigt», so Mario Vieli, Head of HR bei EY. Zudem habe die Internationalisierung zugenommen, was mehr Reisetätigkeiten sowie Arbeitseinsätze ausserhalb der Blockzeiten mit sich bringe, um sich mit Geschäftspartnern global jederzeit austauschen zu können.

«Es ist Aufgabe der Firmen, die zunehmende Belastung beispielsweise durch flexible Arbeitszeitmodelle abzufedern», Mario Vieli, Head of HR, EY
Bild: EY
«Es ist Aufgabe der Firmen, die zunehmende Belastung beispielsweise durch flexible Arbeitszeitmodelle abzufedern», Mario Vieli, Head of HR, EY Bild: EY

Schlechtere Work-Life-Balance

Viele haben zudem zunehmend Schwierigkeiten, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen. Vor allem wer Kinder im Alter zwischen vier und sechs Jahren hat, klagt hier über eine Verschlechterung (Frauen zu 81 und Männer zu 53%). Nach Branchen aufgeteilt ist der Öffentliche Dienst mit 39 Prozent am meisten von einer erschwerten Work-Life-Balance betroffen. Der Hauptgrund für die Verschlechterung: Mehr Arbeitsstunden. 42 Prozent gaben diesen Grund an. Gefolgt von mehr Verantwortung bei der Arbeit (Gesamt: 41% / 54% Männer ohne Kinder). Besonders stark betroffen von der steigenden Anzahl an Arbeitsstunden sind Mitarbeitende in Verbänden (53%) sowie Frauen ohne Kinder (49%). Bei jungen berufstätigen Frauen ist es umgekehrt. Für 63 Prozent sind hier die Kinder Grund für eine mangelnde Work-Life-Balance. 67 Prozent klagen über mehr Verantwortung zu Hause.

«Frauen übernehmen in vielen Haushalten nach wie vor einen Grossteil der Kindererziehung. Männer neigen eher dazu, gleichzeitig auch im Job Vollgas geben und nicht zurückstecken zu wollen – weder im Beruf noch im Privatleben», erklärt Vieli. So würden viele Männer der Karriere wegen mehr Arbeitsstunden leisten und gleichzeitig zu Hause mehr Aufgaben als früher übernehmen – mit dem Ergebnis, dass auch sie es schwer haben, die richtige Balance zwischen Beruf und Privatleben zu finden.

Vollzeit beschäftigte Männer arbeiten im Durchschnitt 3 Stunden pro Woche mehr als Vollzeit beschäftigte Frauen. Gesamthaft arbeiten 35 Prozent der Schweizer Arbeitnehmer 41 bis 45 Stunden pro Woche, 11 Prozent zwischen 46 und 50 und 12 Prozent sogar über 50 Stunden in der Woche. 88 Prozent der Männer arbeiten Vollzeit, bei den Frauen sind es 55 Prozent.

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