Rechnen mit dem Unberechenbaren
» Von , 17.03.2010 06:00.
Lernen vom Schwarm

Der Unterschied zu dem einfachen Fall physikalischer Verursachung ist erheblich. Eine Billardkugel bewegt sich in die Richtung und mit der Geschwindigkeit, die ihr von der Kugel, von der sie angestossen wurde, vorgegeben wurde. Natürlich muss man immer leichte Abweichungen von der Bahn erwarten, verursacht durch Rotation und Reibung; insgesamt aber wird das Verhalten der Kugel durch eine einzige, dominante Ursache erklärt. Ganz anders in der Welt des Komplexen. Gewiss gibt es unterschiedliche Grade und Arten von Komplexität. Einige Systeme ähneln der Billardkugel, nur dass die Zahl der kausalen Einflüsse grösser ist. Die blosse Anzahl der Faktoren wirft keine grundsätzlichen Probleme auf, insbesondere, wenn ihr Zusammenwirken einfachen Regeln folgt. Komplexe Systeme enthalten jedoch oft Rückkoppelungen, die zu einer Verstärkung oder Dämpfung der Effekte führen oder zu nichtlinearem, chaotischem Verhalten. Unter diesen Umständen müssen Kausalerklärungen, die Additivität unterstellen, versagen.
Illusion eines Super-Individivuums
Das ist gemeint, wenn Nobelpreisträger Robert Solow in einer Nachbetrachtung der Finanzkrise davon spricht, dass die «derzeit in Mode befindliche Makroökonomie» dazu neige, «ihre Gegenstände so zu formulieren, dass die Wirtschaft mit mehr Kohärenz und Zielstrebigkeit ausgestattet wird, als wir das Recht haben zu unterstellen». Solow weiter: «Ich erwarte, dass es zu einer Wiederbelebung einer Art von makroökonomischer Theorie kommen wird, die darauf verzichtet, aggregiertem wirtschaftlichem Verhalten diese Art von Kohärenz aufzuzwingen. Was nicht bedeuten soll, dass nicht einige Individuen sich kohärent verhalten. Aber das System übersetzt dieses Verhalten nicht in eine Art von Super-Individuum.»
Hinzu kommt, dass die soziale Welt nicht nur komplex ist, sondern auch historisch. Von jeder Gesellschaft gibt es nur eine einzige - also keine Gesamtheit von Fällen, für die man eine Normalverteilung errechnen könnte. Hier gibt es offenkundige Parallelen zur Naturgeschichte. Ohne das Aussterben der Dinosaurier hätten die Säugetiere ihre Vorherrschaft nicht antreten können und gäbe es dementsprechend keine Menschen. So viel können wir wissen. Aber wissen, was aus den Sauriern geworden wäre, wenn es ihnen erlaubt gewesen wäre, ihren Marsch durch die Geschichte fortzusetzen, können wir nicht (ob etwa ihre heutigen Nachkommen mit Messer und Gabel essen würden).
Komplexität und Geschichtlichkeit bedeuten, dass menschliches Handeln immer vor dem Horizont einer ungewissen Zukunft stattfindet. Schon Keynes wusste, dass Ungewissheit nicht dasselbe ist wie Risiko: Risiko kann man kalkulieren, Ungewissheit nicht. «Beim Roulette», so Keynes 1937, «gibt es keine Ungewissheit... Auch die Lebenserwartung ist nur geringfügig ungewiss und das Wetter nur mässig. So, wie ich den Begriff verwende, bezieht er sich auf die Aussicht eines Krieges in Europa, den Kupferpreis oder den Zinssatz in zwanzig Jahren... Trotzdem zwingt uns die Notwendigkeit zu handeln..., über diese unbequeme Tatsache hinwegzusehen.»
Zunächst muss man sich daher von jeglichen technokratischen Illusionen und jeglicher Hoffnung auf präzise Vorhersagbarkeit und sichere Kontrolle freimachen. Nach der Krise, die 1998 durch den Hedge-Fonds LTCM ausgelöst wurde, war es die einhellige Überzeugung an der Wall Street und bei den US-Aufsichtsbehörden, dass man gemeinsam über alle nötigen Instrumente verfüge, um jede in Zukunft mögliche Krise bewältigen zu können. Im Oktober 2008 wurde der Ex-Notenbankchef Alan Greenspan vom amerikanischen Kongress nach den Ursachen der Finanzkrise befragt. Greenspan, nach eigener Aussage «in a state of shocked disbelief», sprach rückblickend von einem «ausgedehnten System des Risikomanagements und der Preisermittlung, das die besten Erkenntnisse der Mathematiker und Finanzexperten zusammenbrachte und auf bedeutenden Fortschritten in der Computer- und Informationstechnologie beruhte. Für das Preisbildungsmodell, auf dem die Ausbreitung des Markts für Derivate zum grossen Teil beruhte, war sogar ein Nobelpreis vergeben worden». Auf der Grundlage dieses «intellektuellen Gebäudes», das, so Greenspan, «im Sommer 2007 kollabierte», hatten die Aufsichtsorgane, allen voran Greenspan selber, mit einer Politik der «light touch regulation» den Finanzingenieuren der Wall Street erlaubt, im Namen von Innovation und Effizienz immer neue «Produkte» auf den Markt zu werfen.
Was jemand wie Greenspan, überzeugter Anhänger des mechanistischen Maschinenmodells der Standardökonomie, nicht berücksichtigt hatte, war, dass Komplexität und Ungewissheit mitwachsen, wenn die technischen Fähigkeiten wachsen. Je mehr wir berechnen, desto unberechenbarer wird die Zukunft. Das bedeutet auch, dass die Politik das Unerwartete erwarten und Handlungsroutinen für den Umgang mit nicht vorhersehbaren Ereignissen entwickeln muss. Kernkraftwerke werden längst so betrieben. Um die Art von Ungewissheit zu bewältigen, die in komplexen Systemen vorherrscht, ist eine neue Art von Politik erforderlich. Adaptives Prozessmanagement anstelle von «Vorhersagen-und-Handeln» ermöglicht die notwendige Flexibilität. Wo man nichts vorhersagen und nicht einmal Wahrscheinlichkeiten berechnen kann, ist es wichtig, nicht so zu tun, als wisse man, was die Zukunft bringen wird. Unsere Einschätzung dessen, was als Nächstes passieren wird, muss ständig aktualisiert werden. Was man erwarten muss, sind ironischerweise Überraschungen.
Der Mensch als moralisches Wesen
Schliesslich gibt es noch einen weiteren Grund, warum menschliche Gesellschaften nicht mit Hilfe deterministischer Theorien erklärt oder kontrolliert werden können: Sie nehmen die Theorien zur Kenntnis und stellen sich auf sie ein. Menschen verfügen über Intentionalität: Sie verhalten sich nicht einfach, indem sie mechanisch auf ihnen vorgegebene Reize reagieren, sondern sie können absichtsvoll handeln. Der Mensch, so kein anderer als Darwin, ist ein «moralisches Wesen», fähig, «seine früheren und zukünftigen Handlungen oder Motive miteinander zu vergleichen und sie zu billigen oder zu missbilligen». Daher ist die Verfallszeit von Maschinenmodellen sozialer oder ökonomischer Prozesse so kurz: Ihr Einsatz wird bemerkt und intentional beantwortet.
Ein oft zitiertes Beispiel sind die sogenannten Hawthorne-Experimente (1924-1932), bei denen die Forscher herausgefunden haben wollten, dass Arbeiterinnen auch ohne Lohnerhöhung schneller und besser arbeiten, wenn man freundlich zu ihnen ist und die Wände ihrer Werkstatt gelb anstreicht. Aber nachdem sich herumgesprochen hatte, dass das Management mit seinen guten Worten und der gelben Farbe «nur» Geld sparen wollte, kam es zu Lohnforderungen und einem Streik. Ein ähnliches Schicksal traf postum John Maynard Keynes. Als in den siebziger Jahren die «keynesianische» Globalsteuerung der Wirtschaft mittels Geld- und Fiskalpolitik zur etablierten Praxis geworden war, reagierten Unternehmen und Konsumenten immer zögerlicher auf sinkende Zinsen, weil sie glaubten, bei anhaltender Stagnation mit weiteren Zinssenkungen rechnen zu können. Am Ende «funktionierte» die Theorie nicht mehr, weil sie allgemein bekannt war.
Ein weiterer Aspekt ist, dass menschliche Gesellschaften ihre Ordnung statt aus unwandelbaren Naturgesetzen aus selbst gemachten Gesetzen und Institutionen beziehen. Keynes kritisierte 1937 in einem Aufsatz, der sich liest, als sei er zur heutigen Krise geschrieben worden, die Vorstellung, freie Märkte unterlägen quasi-naturgesetzlichen Regelmässigkeiten, die von der Politik respektiert werden müssen, wenn die Wirtschaft stabil funktionieren soll. Da, so Keynes, in einem freien Markt Ungewissheit besteht, sind die Teilnehmer gezwungen, auf eine Weise zu handeln, die ständig unvorhersehbare Schwankungen auslösen muss: «Im Wissen, dass unser eigenes, einzelnes Urteil wertlos ist, verlassen wir uns auf das der anderen, die vielleicht besser informiert sind. Das heisst, wir versuchen, uns in Übereinstimmung mit der Mehrheit oder dem Durchschnitt zu verhalten... Immer neue Ängste und Hoffnungen werden ohne Vorwarnung das menschliche Verhalten bestimmen.» Märkte, so Keynes, werden nicht durch Theorien berechenbar, sondern nur durch Regulierung: Nur in einem «ordentlich regulierten Markt» können die «hübschen und netten Techniken», die die «klassische Wirtschaftstheorie» bereithält, überhaupt jemals funktionieren.
Spätestens hier ist der Punkt erreicht, an dem Ökonomie zur politischen Ökonomie werden muss: Es gibt keine Möglichkeit, Politik durch Wissenschaft zu ersetzen. Es stimmt, dass Politik anders als die Welt der ökonomischen Standardtheorie unordentlich und geradezu definitionsgemäss umstritten und bestreitbar ist. Aber so ist das Leben.







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