Rechnen mit dem Unberechenbaren
Die Wissenschaft kann Märkte nicht berechenbar machen.
Sie muss sich von der Illusion strikter Gesetzmässigkeit lösen, die zur
Finanzkrise beigetragen hat. Regeln und adaptives Handeln helfen uns weiter.

» Von , 17.03.2010 06:00.
Sandra Mitchell ist Dekanin für Geschichte und Philosophie der Wissenschaft an der Universität Pittsburgh. Sie hat an der Universität Bielefeld und dem Wissenschaftszentrum Berlin geforscht. Mitchell schrieb u.a. «Komplexitäten - Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen», 2008. Sie hat sich darauf spezialisiert, komplexe Systeme zu erforschen, ihr Augenmerk gilt dabei vor allem der Biologie.
Wolfgang Streeck ist Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Streeck hat sich ausführlich mit der deutschen sozialen Marktwirtschaft und ihren Veränderungen während der vergangenen Jahre befasst. Ihn beschäftigen besonders die Interaktion von Unternehmen und die Arbeitsbeziehungen. Zuletzt erschien von ihm: "Re-Forming Capitalism: Institutional Change in the German Political Economy", 2009. Dieser Beitrag erschien im Handelsblatt Nr. 225
Viel ist über die Ursachen der globalen Wirtschaftskrise geschrieben worden. Regierungen und Wirtschaftswissenschaft wurden von ihr überrascht. Wie das? Ist die Ökonomie nicht eine Wissenschaft, und ist Wissenschaft nicht dazu da, die Gesetze zu erforschen, die das Verhalten ihrer Gegenstände bestimmen? Die Physik entdeckte E = mc2, die Biologie das Prinzip der natürlichen Auslese.
Richard Posner schreibt: «Aus der Prämisse, dass Menschen rationale Nutzenmaximierer sind, leitet der Ökonom eine Reihe von Hypothesen ab, von denen die am besten bekannte das Gesetz der Nachfrage ist: Wenn der relative Preis eines Produkts steigt, führt dies, wenn alles andere gleich bleibt, zu einem Rückgang der Nachfrage nach dem Produkt. Hypothesen dieser Art werden durch Untersuchungen über tatsächliches wirtschaftliches Verhalten bestätigt oder widerlegt.»
Wenn das so wäre, dann hätte die Wirtschaftswissenschaft doch vorhersagen können, was passieren würde, und dadurch die Politik in die Lage versetzt, es zu verhindern. Aber so war es nicht. Und das liegt, so denken wir, nicht an einzelnen Hypothesen oder Variablen, sondern hat grundsätzlichere Ursachen. Das Problem ist ein zu enges Verständnis dessen, was Wissenschaft ist und sein kann - eines, das sich Wissenschaft als ausschliesslich deduktiv vorstellt, wobei Erklärungen und Vorhersagen aus universellen Gesetzen abgeleitet werden, die auf axiomatischen Annahmen beruhen. Ein Teil der Wissenschaft entspricht diesem Bild; aber nicht die Wissenschaften von der Gesellschaft. Die soziale Welt, der Grossteil der biologischen und sogar ein Teil der physikalischen Welt, besteht aus kontingenten, kontextsensitiven, emergenten (unvorhersehbaren), komplexen Systemen. Ohne eine Erweiterung des wissenschaftlichen Paradigmas ist das nicht zu verstehen.
Tatsächlich gibt es keinen Grund zu erwarten, dass die Wirtschaft, die Biosphäre oder das globale Klima sich auf einfache Gesetze reduzieren liessen. Komplexe Systeme produzieren unvorhersehbare Effekte, die aus dem Zusammenwirken ihrer einfacheren Elemente hervorgehen und definitionsgemäss überraschend sind. Um es an einem Beispiel zu zeigen: Ohne den Ersten Weltkrieg und die Russische Revolution, die beide nicht hätten stattfinden müssen, wäre das 20. Jahrhundert anders verlaufen, und der moderne Kapitalismus wäre nicht das geworden, was er heute ist; was er stattdessen geworden wäre, kann jedoch niemand sagen. Emergente Phänomene entwickeln ein Eigenleben und wirken oft auf die Systemelemente zurück, von denen sie erzeugt wurden.
Newton kann nicht mehr Vorbild sein
Auch in wirtschaftlichen Systemen kann man nicht mit vorabbestimmten Fortschritten zu einem vorabbestimmten Ziel rechnen, sondern muss von Rückkoppelungen und chaotischen Effekten ausgehen, die hochempfindlich auf destabilisierende Bedingungen reagieren: «Kaum ein Ökonom sah unsere gegenwärtige Krise kommen, aber ein Mangel an Vorhersagen war das geringste Problem. Wichtiger war die Blindheit der Disziplin für die grundsätzliche Möglichkeit katastrophaler Ereignisse in einer Marktwirtschaft... Ökonomen hatten sich rettungslos in die alte, idealisierte, mit schicken Gleichungen herausgeputzte Vision einer aus rationalen Individuen und perfekten Märkten bestehenden Wirtschaft verliebt.» (Paul Krugman, «New York Times», 2. September 2009) Wissenschaft war schon immer bestrebt, das «blühende, summende Gewimmel» (William James) unserer Erfahrung auf einfache, universelle, zeitlos geltende Gesetze zurückzuführen. Die Erfolge der wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts, insbesondere Newtons Gesetze, dienten den Philosophen als Modell für zuverlässiges Wissen. Aber vieles von dem, was wir heute über die Komplexität der Welt wissen, passt nicht zu den reduktionistischen und vereinheitlichenden Strategien des Newtonschen Paradigmas.
Das heisst nicht, dass wir die Komplexität von Wirtschaft und Gesellschaft nicht wissenschaftlich verstehen könnten. Wohl aber, dass Wissenschaft das Newtonsche Paradigma hinter sich lassen muss. Nötig ist in vielen Fällen eine explizitere und detailliertere Analyse der vielfältigen Auswirkungen. Das heisst unter anderem, dass Ereignisse und Bedingungen, die im herkömmlichen Paradigma oft als «Zufälle» oder «Randbedingungen» behandelt werden, selber zum Gegenstand der Untersuchung werden müssen. Wenn man wissen will, was geschehen wird, reicht es nicht, zukünftiges Verhalten aus universellen Gesetzen rationaler Wahlentscheidungen abzuleiten. Stattdessen ist es nötig, die lokalen Bedingungen zu berücksichtigen - ihr Zusammenwirken und ihre Rückwirkung auf die einzelnen Elemente der in Betracht kommenden Wirkungsketten. Aus denen gehen emergente Phänomene hervor, welche die Regeln verändern, nach denen die Ereignisse ablaufen. Der Wirtschaftswissenschaftler Brian Arthur: «Geringfügige Ereignisse (die Mutationen der Geschichte) gleichen sich oft gegenseitig aus. Manchmal aber gewinnen sie entscheidende Bedeutung, indem sie Teile des wirtschaftlichen Zusammenhangs in neue Strukturen und Muster kippen lassen.»







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