Postkrisen-Agenda

  

» Von Michael Kurzidim, 15.03.2010 06:00.

Nächste Krise im Anmarsch


Gut möglich, dass Schweizer Unternehmen nach der Wirtschaftskrise gleich die nächste Krise ins Haus steht: Personalmangel. Denn erschwerend kommt hinzu: 26 Prozent der Führungskräfte, die an der von Roy Hitchman durchgeführten Studie teilgenommen haben, wollen Krisenschäden nutzen, um der Konkurrenz qualifizierte Mitarbeiter abzuwerben. Auf 41 Prozent trifft diese Aussage zumindest teilweise zu. Dabei hilft: Die krisenbedingte Angststarre der Mitarbeiter weicht zunehmend einer neuen Lockerheit - man ist wieder wechselwilliger.

33 Prozent der Studienteilnehmer wollen dem vorbeugen und Schlüsselmitarbeiter stärker an das eigene Unternehmen binden. Eine herausfordernde und sinnvolle Aufgabe, intakte Perspektiven und aufrichtige Wertschätzung stehen dabei ganz oben auf der Postkrisen-Agenda, weiss Hitchman-Principal Huber. Von entscheidendem Einfluss sei auch die Vorbildfunktion des Vorgesetzten und das Image des Unternehmens in der Öffentlichkeit.

Wie es im Herzen der Schweizer Unternehmerschaft tatsächlich aussieht, zeigen jedoch weniger die Kreuzchen auf vorgegebene Fragen als vielmehr die freiwilligen Kommentare der Umfrageteilnehmer. Die exzessiven Löhne und Boni schaden dem Standort Schweiz, meint zum Beispiel ein Teilnehmer. Es braucht nicht mehr, sondern effektivere Regulierung. Neben fachlicher Tiefe benötigt das Management auch bildungsmässig mehr Breite und charakterliche Integrität, bemerkt ein Zweiter. Wir werden Schlüssel-positionen über interne Alternativen absichern, verspricht ein Dritter. Konkurrenten haben rigoroser Stellen abgebaut und ihre Organisation umgestellt; ihre verunsicherten Mitarbeiter sind teilweise bei uns gelandet, verrät ein weiterer Teilnehmer. Während der Krise ist in der Schweiz anscheinend einiges in Bewegung geraten. Schweizer Führungskräfte tun gut daran, sich auf das Unerwartete vorzubereiten. Dabei mag es helfen, das Erwartbare zu kennen. Wie stellen sich Analysten und Branchenkenner die Entwicklung der Schweizer Wirtschaft in den kommenden Monaten vor?

 

Schweizer Megatrends

Die schweizerischen Vertriebspartner von Computer Associates (CA) sehen in der Virtualisierung die grössten Wachstumschancen. 78 Prozent erwarten eine deutliche Steigerung in diesem Technologie-segment. Auf Platz zwei der Prioritätenliste steht Cloud Computing: 58 Prozent sagen für diesen Markt einen Anstieg im laufenden Jahr voraus; im letzten Jahr glaubten das lediglich 28 Prozent. Als weitere Wachstumsbereiche identifizierten die Befragten in der Schweiz Internetsicherheit (52%) und Rechenzentrums-Automatisierung (50%). Für den CA Channel Index 2010 gaben im Dezember und Januar insgesamt 928 CA-Partner in der EMEA-Region ihre Einschätzung ab.

«IT führt die Wirtschaft aus der Krise, und der wichtigste Transformationstreiber ist Cloud Computing», sagt Frank Gens, Senior Vice President und Chefanalyst bei IDC. Das Jahr 2010 stehe im Zeichen der Cloud-Appliances. Um ihren Kunden möglichst viele Hindernisse aus dem Weg zu räumen, werden Platzhirsche wie Oracle, Fujitsu und Salesforce fertig konfigurierte Appliances für ihre Public-Cloud-Dienste entwickeln, mit denen Kunden schnell produktiv arbeiten können.

 

Vorteile realisieren

Auch in den Private Clouds und hybriden Lösungen sieht Gens erhebliches Wachstumspotenzial. Für viele Unternehmen ist die interne oder Private Cloud der Einstieg in die Wolke. «Sie wollen zuerst damit anfangen, ihr eigenes Rechenzentrum zu virtualisieren und werden dann Schritt für Schritt damit beginnen, Dienste wie E-Mail aus der Public Cloud zu beziehen», sagt EMC-CEO Boschung. Das sei eine gute Methode, die Vorteile des Cloud Computing zu realisieren, ohne gleich ein grosses Risiko einzugehen.

Business Cloud Services, die explosionsartige Zunahme mobiler Endgeräte und Video-Applikationen stellen immer höhere Anforderungen an die öffentlichen Netze. Unternehmen werden deshalb die Migration auf konvergente IP-Plattformen vorantreiben und ihre Geschäftsmodelle so umgestalten, dass sie den dadurch ermöglichten automatisierten Informationsaustausch zwischen Endgeräten auch nutzen können.
40 Prozent der neuen Telko-Kunden (B2C und B2B) gehen auf das Konto von Glasfasertechnologie, so die globale Prognose von IDC.

Die Erholung erfolge in der zweiten Jahreshälfte, prophezeien die Marktanalysten von Pierre Audoin Consultants (PAC). «Motor werden Investitionen in Embedded-Systeme und Product Lifecycle Management (PLM) einschliesslich der Integration mit Product Data Management (PDM), ERP und CRM sowie Kollabora-
tionswerkzeuge und CRM sein», sagt Klaus Holzhauser, PAC-Direktor in München. Im Telekommunikations-markt hätten Next Generation Networks (NGN) und die Entwicklung neuer Mehrwertdienste wie mobiles Bezahlen hohe Priorität, ergänzt seine Münchner Kollegin Julia Reichhart. Allerdings scheint auch PAC ein wenig das Unerwartbare zu erwarten. «Da noch erhebliche Risiken im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit, Kreditklemme und daraus resultierenden Konkursen bestehen, wären genauere Prognosen verfrüht», kommentieren die Analysten.

Computerworld hat zusammen mit IDC den Schweizer ICT-Markt durchleuchtet und über 800 Schweizer Führungskräfte nach ihrer Einschätzung gefragt. Die Zahlen legen eine leichte, aber recht solide Erholung des Schweizer ICT-Gesamtmarkts über die Jahre 2010 bis 2013 nahe. Aber nicht für jedes Marktsegment sieht es so rosig aus. Applikationen wachsen, Server-Systeme sacken ab, Peripheriegeräte werden sich nach einem herben Einbruch in 2009 wieder erholen. An der Detailanalyse arbeiten wir noch. Die genauen Fakten, Analysen und Prognosen lesen Sie in unserem Special «Swiss IT», das am 25. März erscheint - oder Sie melden sich zur Konferenz am 24. März an: www.computerworld-events.ch/swissIT

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