Postkrisen-Agenda

Der Aufschwung zeichnet sich ab, aber leichte Zweifel bleiben. Schweizer Firmen sollten vorsichtig einen Gang höher schalten und sich gleichzeitig gegen Restausfälle absichern. Wie gelingt die Quadratur des Kreises?

    

» Von Michael Kurzidim, 15.03.2010 06:00.

Das Unerwartete erwarten und Handlungsroutinen für den Umgang mit unvorhersehbaren Ereignissen entwickeln, so lautet die Kernbotschaft unseres Leitartikels ab Seite 12. Die Botschaft ist nicht neu, aber im Geschäftsleben notorisch schwierig zu beherzigen. Schon der Starkomiker Karl Valentin strapazierte mit dem ihm zugeschriebenen Bonmot die Lachmuskeln des Publikums: «Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.» Unternehmen benötigen aber ein gewisses Mass an Planungssicherheit, um ihre Geschäfte wirkungsvoll vorantreiben zu können. Was also tun?

 

Schweizer optimistisch

Über drei Viertel der Schweizer Führungskräfte glauben, die Schweizer Wirtschaft befinde sich im Aufschwung oder stünde kurz davor. Zu diesem Ergebnis kam eine von der Roy Hitchman AG im Dezember letzten Jahres durchgeführte Umfrage. Knapp 60 Prozent aller befragten Führungskräfte meinen ausserdem, für den Aufschwung gut gerüstet zu sein. Wenn die Krise im Kopf stattfindet, wie manche Experten behaupten, dann zumindest nicht in der Schweiz. Dort setzt im Kopf schon der Aufschwung an.

Roy Hitchman, Präsident der nach ihm benannten Firma Executive Search, warnt jedoch vor übertriebener Zuversicht. Denn die jetzige Marktphase könnte auch die Ruhe vor dem nächsten Sturm sein. «Wir beurteilen den Aufschwung, anders als viele Panel-Teilnehmer, weniger optimistisch», meint er. Es seien zwar Anzeichen einer Erholung in der Schweizer Wirtschaft zu erkennen, unklar bleibe jedoch, ob wir uns tatsächlich schon im Aufwärtstrend einer V-Formation befinden, oder ob es sich lediglich um das Zwischenhoch einer W-Formation handele. Zwar hat die Erholung bei den Dienstleistungsfirmen und im TIME-Segment (Telekommunikation, Informatik, Medien und Entertainment) bereits eingesetzt, aber Baubranche, Logistik, Fertigungsindustrie und der gesamte Exportsektor leiden nach wie vor unter einer volatilen Nachfrage, die durch staatliche Konjunkturprogramme und Währungsschwankungen verzerrt bleibt, stellen die Marktanalysten fest (vgl. Hitchman-Studie: Ist die Krise vorbei? Schweizer Führungskräfte geben sich optimistisch). Ausserdem sei die Finanzbranche nach wie vor mit erheblichen Risiken behaftet und habe noch einen kritischen Strukturwandel vor sich.

 

Worst-Case-Szenario

Das Unerwartete erwarten, was heisst das angesichts eines zwar optimistischen, aber immer noch mit Fragezeichen behafteten Zukunftsszenarios? Der Mensch sei ein grundsätzlich positives Wesen, sagt Robert Huber, Principal bei Roy C. Hitchman. Trotzdem oder gerade deshalb empfiehlt er Schweizer Unternehmen, ihre Hauptrisiken kritisch zu überprüfen und ein Worst-Case-Szenario aufzustellen, das Umsatzeinbussen bis zu 50 Prozent - über den Daumen gepeilt - abdeckt. Katastrophen wurden, weil eher unwahrscheinlich, von den Firmen in der strategischen Planung bisher zu wenig berücksichtigt.

Ein Notfallplan gehört heute zu jedem Unternehmen wie die Firewall zum Netzwerk. Als flankierende Massnahmen empfiehlt Huber, Fixkosten zu flexibilisieren und die Eigenkapitalbasis zu verbreitern. In der Finanzbranche sei das mittlerweile common sense, aber auch realwirtschaftliche Unternehmen eroberten sich damit einen grösseren Handlungsspielraum. Ansonsten droht Firmen in schwierigen Zeiten Überschuldung; zusätzlich geraten sie in einen Innovationsstau, der ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig beschädigt.

 

Krisengewinnler

Aber nicht jede Schweizer Firma hat in den letzten eineinhalb Jahren ums nackte Überleben gekämpft, ganz im Gegenteil. «Schwierige Marktkonditionen schaffen auch eine hervorragende Gelegenheit, uns noch besser auf dem Markt zu behaupten, Chancen zu nutzen und gewisse Mitbewerber - das muss man mal klar sagen - loszuwerden», sagt Jacques Boschung, CEO des Speicher- und Netzwerkspezialisten EMC. Für EMC war 2009 ein sehr profitables Jahr.

Auch andere Schweizer Unternehmensführer konnten der Krise Positives abgewinnen. Die Krise als Chance nutzen, das war anscheinend mehr als eine Durchhalteparole. «Viele CEOs von Grosskunden haben die Krise zum Anlass genommen, gewisse Innovationen anzustossen, den Wandel im Rechenzentrum durchzuführen und den Widerstand des mittleren Managements zu überwinden», erklärt Boschung. Der Druck der Krise hat Unternehmen gezwungen, ihre Hausaufgaben zu machen und längst fällige Restrukturierungsmassnahmen endlich durchzuführen.

Und dadurch entstehen auch Chancen. Carsten Runkel, Business Development Manager bei IMG (der Beratungssparte von s&t), schlägt vor, die Schwächen der anderen für sich zu nutzen und den Marktanteil durch Sales Excellence zu steigern. Darunter versteht Runkel, die eigenen Leuchtturmkunden fest an sich zu binden und gleichzeitig zu versuchen, gezielt Kunden von geschwächten oder ausgeschiedenen Wettbewerbern zu übernehmen. Das Rückgrat von Runkels Postkrisen-Agenda besteht aus einer Doppelstrategie. Unter dem brutalen Kostendruck der letzten eineinhalb Jahre waren Unternehmen gezwungen, Projekte auf Eis zu legen. Jetzt sollten Schweizer Firmen den Investitionsstau selektiv auflösen, ihre Prioritätenliste umschreiben und wichtige Projekte zügig angehen. Ausserdem komme es darauf an, die erzielten Effizienzgewinne zu bewahren und sich nicht gleich wieder Speck anzufressen, warnt Runkel.

Zeit zum Zurücklehnen bleibt nicht. «Auch wenn demnächst das Gröbste überwunden ist, wird uns der Markt zwingen, effizient zu wirtschaften, Kosten zu reduzieren und zu verschlanken», betont Thomas Sieber, CEO von Orange Schweiz. Es gehe mehr um eine laufende Effizienzsteigerung, die der Markt erzwinge, unabhängig von der Krise. Im Schweizer Business-Umfeld zeichne sich eine gewisse Entspannung ab, es werde wieder mehr investiert, ergänzt er.

Im Consumer-Markt dagegen stehen die Ampeln noch nicht auf grün, denn dort bremst eine im Jahresverlauf tendenziell steigende Arbeitslosigkeit die Nachfrage. Wer wenig Geld in der Tasche hat, gibt auch weniger aus. Paradoxerweise verliert der Schweizer IT-Fachkräftemangel dadurch aber nicht an Schärfe. «Es ist für uns nicht einfacher geworden, Arbeitskräfte zu finden, die unseren hohen Anforderungen entsprechen, die zukunftsorientiert denken und Mehrwert generieren», berichtet EMC-CEO Boschung. EMC ist dabei, seine Belegschaft um 5 Prozent aufzustocken.

Werbung

KOMMENTARE

Keine Kommentare

KOMMENTAR SCHREIBEN

*
*
*
*

Alles Pflichfelder, E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt.

Die Redaktion hält sich vor, unangebrachte, rassistische oder ehrverletzende Kommentare zu löschen.
Die Verfasser von Leserkommentaren gewähren der IDG Communications AG das unentgeltliche, zeitlich und räumlich unbegrenzte Recht, ihre Leserkommentare ganz oder teilweise auf dem Portal zu verwenden. Eingeschlossen ist zusätzlich das Recht, die Texte in andere Publikationsorgane, Medien oder Bücher zu übernehmen und zur Archivierung abzuspeichern.