Kathrin Altwegg über IT im All und Diskriminierung in der Branche

Kathrin Altwegg versucht mit ihrem Team in diesem Sommer, ein Objekt auf einem Kometen zu landen. Völlig veraltete IT spielt dabei eine Schlüsselrolle. Wie die Berner Physikerin ihren Weg als Spitzenforscherin gegen die Widerstände einer männerdominierten Elite machte, erzählt sie im Interview.

» Von Hansjörg Honegger , und Isabel Hubacher, 25.07.2014 09:47.

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Computerworld: Sie sind Projektleiterin des Projekts Rosina, das auf der Rosetta-Mission mitfliegt. Der Rosetta-Orbiter wird sich im Sommer dem Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko annähern, während Rosina Messungen ausführt. Er wird als Höhepunkt versuchen, einen Lander auf dem Kometen selbst abzusetzen. IT spielt in diesem Projekt eine bedeutende Rolle. Allerdings dürften Sie kaum mit Hightech-Komponenten agieren. Wie muss man sich die IT in so einer Sonde vorstellen?

Kathrin Altwegg: Grundsätzlich funktionieren neue Computer im All nicht. Die Siliziumschichten sind heute dermassen dünn, dass sie von der kosmischen Strahlung zerstört würden. Wir begannen mit dem Projekt 1995. Aber wir haben aus diesem Grund schon damals veraltete Hardware verwendet.

CW: Was tut dieses uralte IT-System während der Mission?

Altwegg: Wir haben drei Sensoren: zwei Massenspektrometer und einen Drucksensor. Unser Computer überwacht diese Geräte, gibt Anweisungen, nimmt Daten entgegen und schickt sie an den Orbiter weiter. Von da werden die Daten an uns übermittelt. Die grossen Distanzen sind die Hauptschwierigkeit: Wir reden von drei astronomischen Einheiten, rund 450 Millionen Kilometern.

CW: Welche Übertragungsgeschwindigkeit erreichen Sie noch?

Altwegg: Damals wurde uns eine Rate von 2 Kilobit pro Sekunde versprochen, heute sind wir aber dank technologischem Fortschritt bei über 20 Kilobit. Aber das ist noch immer nicht sehr viel. Es kommt sehr darauf an, welche und wie viele Antennen wir nutzen können.

CW: Der Computer wurde während vier Jahren praktisch abgeschaltet. Was lief während dieser Zeit noch?

Altwegg: Im Wesentlichen lief noch ein Prozessor des Orbiters, der die Heizung für den Treibstoff überwachte. Der Treibstoff darf nicht gefrieren und muss immer rund 15 Grad C haben – bei einer Aussentemperatur von bis zu minus 120 Grad. Die Sonnensegel lieferten die benötigte Energie. Aber bei einer maximalen Ent­fernung von der Sonne von 25 Astronomischen Einheiten hat man nur noch 4% der Energie, die auf der Erde gewonnen werden könnte. Das ist nicht mehr viel.

CW: Dann kam der Moment des Aufwachens...

Altwegg: Ja, der Computer musste alle Subsysteme aufwecken und machte als Erstes einen Reboot. Das dauerte 18 Minuten, in denen wir nicht wussten, ob das System überhaupt wieder hochfahren würde.

CW: Ein schwieriger Moment?

Altwegg: Ja, wir waren schon etwas nervös.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: was bringt der Menschheit diese Mission?

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