Hat die Orbit noch eine Zukunft?
Seit Jahren kämpft die einstige Schweizer Vorzeigemesse mit schwindenden Aussteller- und Besucherzahlen. Stirbt die Orbit den langsamen Tod? Ein Stimmungsbild unter Schweizer Unternehmen.

» Von , 07.05.2009 15:51. Letztes Update, 07.05.2009 15:55.
Vor zwei Jahren zählte die Orbit noch 500 Aussteller. 2008 war das Grüppchen der Getreuen bereits auf 370 Unternehmen zusammengeschmolzen, und 2009 präsentieren gerade noch 260 Aussteller auf der einstigen Schweizer Parademesse ihre Lösungen. Tendenziell bleiben vor allem Grossunternehmen der Orbit fern. Sie lassen sich lieber auf ihren Hausmessen feiern, während es KMU noch einmal versuchen. Fehlt es der Orbit an einem schlüssigen, überzeugenden Konzept?
Trotz des drastischen Abwärtstrends gibt sich Orbit-Messeleiter Giancarlo Palmisani optimistisch: «Die Branche wünscht sich eine horizontale Plattform, keiner spricht ihr die Berechtigung ab.» Allerdings sei das Marketing-Tool Messe in der noch jungen IT-Branche noch nicht so gefestigt wie zum Beispiel im klassischen Maschinenbau, fügt er als Erklärung hinzu. Ein wenig klingt das wie Pfeifen im Wald.
Orbit fehlt klares Profil
Wesentlich härter geht Daniel Renggli, Kommunikationschef beim Storage- und Infrastruktur-Spezialisten EMC, mit der Orbit ins Gericht. «Der Messe fehlt ein klares Profil, die Themen sind zu divers und die Zielgruppe zu diffus», urteilt er. Stattdessen zeigte EMC auf den X.Days Flagge, die Mitte März in Interlaken stattfanden. Die dort ausstellenden Unternehmen fokussierten sich auf wenige, relevante Themen und eine eng umgrenzte Zielgruppe. Die Exponate spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle, im Vordergrund stehe die Wissensvermittlung, die sich in erster Linie an das IT-affine C-Level-Management richte, betont Renggli.
Schwere Zeiten sieht auch Frank Thonüs, Country Manager Symantec Schweiz, auf die Orbit zukommen. «Messen werden es in Zukunft immer schwerer haben. Bei uns stehen ausgewählte kleine Veranstaltungen zwecks zielgerichteter Ansprache ganz klar im Fokus», sagt Thonüs. IBM Schweiz, die schon lange nicht mehr mit einem Stand auf der Orbit präsent ist, schlug diesen Kurs bereits vor Jahren ein und setzt auf zielgruppengerechte Fachmessen mit entsprechendem Konferenzteil.
Der Swisscom-Geschäftsbereich kleine und mittlere Unternehmen hat sich in diesem Jahr zu einem ganz brutalen Schritt entschlossen und zieht sich von allen Messen zurück - auch von der Orbit. «Aufwand und Ergebnis standen für den Bereich KMU wie für den Bereich Grosskunden schon seit zwei Jahren in keinem optimalen Verhältnis mehr zueinander», begründet Berndt Schramka von Swisscom die harte Entscheidung. Der Telco-Riese setzt stattdessen auf eigene Plattformen, um mit Kunden und Interessierten in Interaktion zu treten.
Universalmessen überholt

Chatten am virtuellen Messestand: für Schweizer eine sinnvolle Ergänzung zum Vier-Augen-Gespräch
Vielleicht ist ja der Blick ins Nachbarland Deutschland für die eine oder andere hilfreiche Anregung gut. Dort hat Klaus Dittrich, Messechef in München, aus dem brutalen Abwärtstrend der letzten Jahre die Konsequenz gezogen und die Systems dichtgemacht. Ein integrierter Event, der erstmals im Oktober dieses Jahres in der bayrischen Landeshauptstadt stattfindet, soll den neuen Trend vorgeben: Discuss & Discover. Technische Features seien in der ITK-Branche nicht mehr investitionsentscheidend und ähnelten sich auch zunehmend, betont Messechef Dittrich. Sehr wichtig seien dagegen das Vertrauen zwischen den Vertragspartnern und die gebotenen Services. Die Discuss & Discover biete daher eine Interaktions- statt einer Präsentationsplattform.
Fachspezifischere Kundenansprache
Geschickt hat Dittrich den Trend zur fachspezifischeren Kundenansprache aufgegriffen und gibt Messeteilnehmern die Möglichkeit, Corporate Events, Roadshows und kleine Partnermessen in den Gesamt-Event zu integrieren. In einer Online Community soll ausserdem einige Monate vorab die Themen-Agenda der nächsten Discuss & Discover diskutiert werden. Damit wollen die Münchner unter grösstmöglicher Beteiligung planen und nah am Puls der IT-Branche bleiben.
Bieten sich virtuelle Konferenzen als Alternative zur zeitaufwendigen und kostenintensiven physischen Messepräsenz an? Der Software-Hersteller Oracle lud Mitte Februar probeweise zur virtuellen Konferenz «Oracle Enterprise 2.0», und das Feedback fiel überraschend positiv aus. Den Fachvorträgen lauschten über 200 Besucher, die per E-Mail untereinander in Kontakt treten und an virtuellen Ständen mit Oracle-Experten chatten konnten.
Virtuelle Events im Vorteil
Virtuelle Konferenzen punkten vor allem mit zwei Vorteilen: Aussteller sparen Geld, und Teilnehmer müssen keine langen An- und Abreisen in Kauf nehmen, sondern können den Konferenzbesuch bequem und schnell vom Schreibtisch aus erledigen. Schweizer Firmen sehen in virtuellen Messen aber eher eine Ergänzung als eine Alternative. «Virtuelle Events sind ein weiteres Instrument im Marketingmix und damit eine Ergänzung zu den herkömmlichen Veranstaltungen», so sieht es auch Daniel Renggli von EMC. Und Qlik-Geschäftsführer Ulrich Beckmann ergänzt: Neue Medien wie Webkonferenzen würden immer wichtiger, seien aber kein Ersatz für den persönlichen Kontakt. Webinare hält er jedoch für «fantastische Hilfsmittel, um innert kürzester Zeit eine Vielzahl von Personen interaktiv und visuell zu erreichen».
Umfrage: Orbit auch noch 2010?
Für Orbit-Chef Giancarlo Palmisani taugen virtuelle Konferenzen in erster Linie als Know-how-Transferformat. Leute kennenlernen und Vertrauen aufbauen gehe aber nur über den physischen Kontakt, betont er. Trotzdem scheint auch Palmisani von der alten Orbit nicht mehr restlos überzeugt zu sein. Er will am 14. Mai, dem dritten Messetag, ein neues Konzept präsentieren. «Für die Schweiz müssen wir eine gewisse Kosteneffizienz reinbringen», deutete Palmisani gegenüber Computerworld an. Der traditionelle Messestand werde in Zukunft eine geringere Rolle spielen als bisher. Reicht das aus, und wird es die Orbit im nächsten Jahr noch geben? Sagen Sie uns Ihre Meinung, mit unserer Ein-Klick-Umfrage auf:
www.computerworld.ch/umfrage







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