Web 2.0 stellt Unternehmen auf die Probe

Das Platzen der Dotcom-Blase hat die Weiterentwicklung des Internets nicht gestoppt. Tradierte Geschäftsmodelle und Werbeformate verschwinden im Zeitraffer.

Wikis und Blogs könnten gegenüber bis-herigen Ansätzen im Wissensmanagement eine gezielte Kommunikation zwischen Benutzer-gruppen ermöglichen.
    

» Von Sascha Alexander, 01.12.2006 09:40. Letztes Update, 01.12.2006 09:43.

Marketingbegriff, technische Evolution, kollektive Intelligenz - vieles wird dem Begriff Web 2.0 nachgesagt, seitdem er Ende 2004 auf einer Konferenz des Verlegers Tim O"Reilly geprägt wurde. Web 2.0 steht für eine stärkere und vor allem individuelle Vernetzung von Menschen(gruppen) und Informationen als sie bisherige Websites, Chat-Foren oder E-Mail geboten haben. Höhere Bandbreiten, günstige und einfach zu nutzende Techniken wie Atom, Ajax, RSS, Wikis, XML oder Tagging (Klassifizierung von Inhalten und Sites über Metadaten), Trackback, Suchmaschinen wie Technorati oder Feedster sowie bisherige Open-Source-Software schaffen die Grundlage für neuartige Webplattformen.

Kreativität ist der Schlüssel

Es ist vor allem die kreative und gezielte Nutzung dieser Techniken für bestimmte Aufgaben oder Interessengruppen im Web, die ihre Popularität ausmachen. Web-2.0-Plattformen wie Flickr (Bilderaustausch), Delicious (Social Bookmarks), Wikipedia (Enzyklopädie), Myspace (interaktives Internetportal) oder Youtube (Video-Sharing) sowie unzählbare Blogs und soziale Netzwerke machen es vor: Wissen und Daten werden zunehmend ausserhalb des PC verwaltet und über diese Webplattformen selbst organisiert, bewertet und miteinander geteilt. Kollaborative Projekte wie Linux und File-Sharing-Sites wie Napster bereiteten den Weg. Je mehr mitmachen, desto schneller potenziert sich das Wissen und die Qualität und Relevanz der Inhalte für den Einzelnen, besagt die Theorie. Der alte Traum vom Web als sozialen Lebensraum scheint sich zu erfüllen: «We are the Web», lautet eine alte Parole.

Dass Web 2.0 auch ein Riesengeschäft ist, zeigt der Erfolg von Google, Amazon, Ebay, Microsoft MSN oder Yahoo. Sie alle können sich aufgrund neuer, cleverer Online-Geschäftsmodelle zusehends der Informationsflüsse bemächtigen. Es vergeht kaum eine Woche, in der sich diese Giganten nicht populäre Web-Communities zu teils horrenden Preisen einverleiben, um ihre Plattformen selbst zu einem Web 2.0 zu machen. Ob ihre hohe Börsennotierung angemessen ist und ob ihr Einfluss im Web nicht zu gross wird, steht auf einem anderen Blatt. Auch könnte man wieder darüber diskutieren, ob die vielen neuen Internet-Start-ups mit ihren originellen, aber oft wenig tragfähigen Geschäftsmodellen, die Rückkehr der Risikokapitalgeber (zumindest in den USA) und eine wachsende Euphorie in der digitalen Wirtschaft Zeichen einer schwellenden Dotcom-2.0-Blase sind.

Doch Web 2.0 ist nicht nur ein «cooles» und verlockendes Thema für Internet-Surfer und Start-ups, sondern muss auch Unternehmen beschäftigen. Dies beginnt beim internen Wissensmanagement: So könnten Wikis als Basis für ein FAQ-System, als Glossar, für Linklisten, für die Dokumentation beziehungsweise als gemeinsame Wissensbasis in der Qualitätssicherung oder bei Forschung und Entwicklung, als Projekt-Management-System, für Marketing-Kampagnen oder im E-Learning dienen. Erste Anwendungen bei Unternehmen existieren heute schon.

Wikis und Blogs könnten gegenüber bisherigen Ansätzen im Wissensmanagement eine schnellere und gezielte Kommunikation zwischen Benutzergruppen ermöglichen - vorausgesetzt, der Endanwender nimmt teil und die Unternehmensrichtlinien unterstützen diese Interaktivität. Eine Integration dieses Wissens in die Geschäftsprozesse wäre wohl die vielversprechendste Lösung. Ferner inspirieren Web-2.0-Trends die Design-Prinzipen neuer Webanwendungen und Softwareinfrastrukturen. Neben der Popularität von Ajax in der Client-Entwicklung hat beispielsweise das Konzept einer Service-orientierten Architektur (SOA) aus dem Web wesentliche Impulse und Standards wie Web-Services für seine Umsetzung erhalten.

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