Telco-Spitzengipfel in Bern - die Trends

Die Schweizer Telco-Industrie steht noch gut da, stellte sich auf der Asut in Bern heraus. Jedoch müssen Mobilfunkbetreiber Innovationen viel stärker vorantreiben. Nicht nur Schweden, Japan und Taiwan sind besser.

Professor Torsten J. Gerpott: Hohe Preise, dürftige Innovationen
    

» Von Michael Kurzidim, 11.06.2009 21:08.

Auf dem ITU-Index für TK-Zugänge belegt die Schweiz noch vor Deutschland den sechsten, bei der Breitband-Nutzung den achten Platz. Die Breitband-Penetration lag Ende 2008 bei 76,1 Prozent. Beim Vergleich der Preisstrukturen für Mobilfunkdienstleistungen, den die "International Telecommunication Union" im vergangenen Jahr anstellte, sieht es jedoch ganz anders aus. Da landeten die Schweizer gerade mal auf dem 28ten Rang, weit hinter Dänemark, Schweden, Norwegen und Deutschland.

Gefährlich: Innovationsdruck fehlt

"Die Schweizer Mobilfunknetzbetreiber konnten hohe Preise durchsetzen und stehen aufgrund ihrer hohen Profitabilität nicht unter Druck, Innovationen rasch voranzutreiben", analysiert Torsten Gerpott, Professor für WIrtschaftswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen, die Gemengelage. Die Penetration sei unter-, die Preise überduchschnittlich. Aus Anbietersicht sei das ein ganz toller Markt, sagte Gerpott auf der Asut in Bern.

Allzu grosse Sorgen brauchen sich die Schweizer Telco-Anbieter auch in Zukunft nicht zu machen, denn die Investitionen in ICT werden langfristig steigen. Frei nach dem Motto: Kommuniziert wird immer. Zwar wirke sich die Krise aus und bremse das Wachstum in diesem Jahr, aber danach gehe es unvermindert stark weiter, prophezeit Pascal Sieber von der Unternehmensberatung Dr. Pascal Sieber & Partner. Einen Grund sieht Sieber in der Verflechtung der ICT-Branche mit der öffentlichen Verwaltung und den Sozialversicherungen, deren ICT-Jahresbudget 1,054 Milliarden Franken beträgt. Die öffentliche Verwaltung aber werde als konjunkturfördernde Massnahme ihre Investitionen noch verstärken, sagt Sieber. Total würden Schweizer Unternehmen 2009 16,327 Milliarden Franken für ICT ausgeben.

Unabdingbar: Zügiger Ausbau der Glasfaser

Allerdings ist kluge, industriepolitische Weitsicht aufseiten der Anbieter gefragt. "Mobilfunkzugänge werden Festnetzzugänge auch in Zukunft nicht substituieren", schätzt Wirtschaftsexperte Gerpott. Wichtig sei daher ein zügiger Ausbau des Glasfasernetzes, wo die Schweizer im EU-Vergleich zwar nicht schlecht dastehen, aber im Vergleich mit Ländern wie Japan und Taiwan noch Nachholbedarf haben. Bis Ende 2015 über eine Million Haushalte - das sind ein Drittel aller Schweizer Haushalte - mit Glasfaser zu versorgen, wie es die Schweizer Politik plane, sei realistisch. "Dieses Ziel werden sie erreichen", betonte Gerpott.

Was sind denn Breitbandangebote und -Dienstleistungen, die mir Kunden aus den Händen reissen? IP-TV und "Peak Loads" beim Cloud Computing kommen da in Frage. Ende 2008 nutzten 10,3 Prozent aller Swisscom-Privatkunden mit Breitbandanschluss Bluewin IPTV. In Deutschland beziehen bedeutend weniger Kunden vergleichbare Angebote: gerade mal 3,3 Prozent. IP-TV werde an Bedeutung gewinnen, aber es werde sehr lange dauern, sagt Gerpott. Preisstruktur und Angebotsvielfalt werden eine marktentscheidende Rolle spielen, denn der Bedarf ist vorhanden. 73 Prozent aller Schweizer Haushalte schauen Kabel-TV. Auf Business-Seite könnten bandbreitenhungrige Cloud-Computing-Dienste Highspeed-Netzen wie der Glasfaser Auftrieb verleihen.

Weltweit Spitze: Drahtlose Sensor-Netzwerke

Professor Karl ALberer, Direktor EPFL: Schweiz hat dichtestes Umweltüber-wachungssystem der Welt
Professor Karl ALberer, Direktor EPFL: Schweiz hat dichtestes Umweltüber-wachungssystem der Welt
Auf einem anderen Zukunftsmarkt ist die Schweiz heute schon weltweit führend: dem Internet der Dinge. Karl Aberer, Direktor NCCR MICS an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne, berichtete von einem drahtlosen Sensor-Netzwerk, das die Gebirgsregionen in der Schweiz überwacht. Zehn bis 25 Prozent der Weltbevölkerung lebt in Gebirgsregionen, mehr als die Hälfte unseres Frischwassers stammt von dort. Gebirgsregionen reagieren sehr sensibel auf klimatische Veränderungen. Wie aber wirkt sich der Klimawandel aus? Die wissenschaftlichen Daten haben bisher nicht ausgereicht, verlässliche regionale Modelle zu erstellen.

Das Schweizer Sensor-Netzwerk erfasst deshalb Daten in Echtzeit und verarbeitet sie kollaborativ im Web 2.0. Die prominenteste Mess-Station vom Typ PermaSense liegt auf dem Matterhorn in 3400 Meter Höhe und beobachtet dort kryogenische Felsbewegungen. Das "Swiss Experiment" überwacht komplexe Realwelt-Phänomene in Echtzeit und wertet sie durch eine drahtlose Informationsinfrasstruktur aus. Karl Alberer: "Die Schweiz hat das dichteste Unweltüberwachungssystem weltweit."

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