Die digitale Patientenkartei
Archivsysteme im Gesundheitswesen stehen vor besonderen Herausforderungen. Einerseits soll die zentrale Patientendatenbank Fehldiagnosen verhindern. Andererseits sind die hochsensiblen Daten vor Missbrauch zu schützen.

» Von , 08.05.2009 13:11. Letztes Update, 08.05.2009 13:14.
Markus Nufer ist Senior Managing Consultant bei IBM Schweiz AG
Wie in allen Branchen müssen auch Unternehmen und Organisationen im Gesundheitswesen Daten (digital oder analog) archivieren. Gesetzliche Anforderungen an die Buchführung, der Nachweis des richtigen Handelns aber auch die Dokumentation eines Vorgangs stehen dabei im Mittelpunkt. Diese Anforderungen an ein Archiv sind Standard und weit verbreitet. Im Gesundheitswesen gehen die Ansprüche aber vor allem auf drei Gebieten darüber hinaus.
1. Datenschutz: Patientendaten sind zwar grundsätzlich vertraulich, gleichzeitig werden sie aber in der Forschung dringend benötigt. Archive im Gesundheitswesen sollten deshalb neben dem patientenzentrierten Zugang auch eine anonymisierte Verwendung der Daten für die Forschung ermöglichen.
2. Bildinformationen: Sogenannte bildgebende Verfahren wie Röntgen-, Computertomographie- oder Ultraschalluntersuchungen werden in der modernen Medizin immer wichtiger. Die Daten, die dabei anfallen, sollten ebenfalls in das zentrale Archiv eingebunden werden können. Andernfalls droht ein Wildwuchs unterschiedlicher Archive, für die jeweils spezielle Schnittstellen entworfen werden müssten - eine kostenintensive und aufwendige Alternative.
3. Externer Zugang: Der dritte Punkt betrifft die Anbindung unterschiedlicher, externer Nutzer. Da im Verlauf einer Behandlung meistens mehrere Leistungserbringer wie Ärzte, Therapeuten aber auch Verwaltungen mit einem Patienten zu tun haben, ist im Gesundheitswesen ein sicherer externer Zugang zum Archiv für eine optimale Gesundheitsversorgung wichtig. Ärzte, Krankenhäuser oder Versicherungen benötigen jeweils unterschiedliche Zugänge zu den Archivdaten. Hier ergeben sich besonders hohe und komplexe Anforderungen an den Datenschutz.
Die wichtigsten Anforderungen
Aufgrund dieser besonderen Anforderungen im Gesundheitswesen empfiehlt es sich, beim Aufbau eines Archivsystems auf die Faktoren Partner/Lieferant, Funktionalität und Skalierbarkeit besonders zu achten.
Bei der Wahl des Lieferanten sollte der Partner vor allem auf die Langfristigkeit grossen Wert legen. Wer hier nachlässig ist, muss häufig schon nach wenigen Jahren teure Umstellungen oder sogar Ablösungen vornehmen. Mitunter sind sogar ganze Archive nicht mehr zu gebrauchen. Ein prominentes Beispiel ist das Apollo Programm der NASA, das letztes Jahr vierzig Jahre alt wurde. Von 1968 bis 1972 flogen im Apollo-Programm US-amerikanische Astronauten in den Weltraum. Heute sind Teile der alten Magnetbänder schon nicht mehr lesbar, weil die Computer, Betriebssysteme und Programme von damals schlichtweg nicht mehr verfügbar sind.
Ein Archiv ist mehr als ein Datenspeicher, es ist das Gedächtnis einer Organisation. Deswegen sollte es auch über mehr Funktionalität verfügen als ein Datenspeicher. Verschlagwortung, Volltext- und semantische Suche, anonymisierter Zugriff und Verwaltungsprozesse inklusive Formatkonvertierung sind unverzichtbar.
Da im Vorfeld meistens nicht klar ist, wie sich die Anforderungen an einen Archivservice entwickeln, ist Skalierbarkeit ein weiterer wichtiger Planungsaspekt. Ein Archiv sollte sowohl bei der Datenmenge wie auch bei der Zahl der Zugriffe und bei den archivinternen Services niemals an Grenzen stossen.
Integration über vier Dimensionen
Sogenannte integrierende Archive können diese Anforderungen erfüllen. Sie stellen Managern und Mitarbeitern hinterlegte Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort im richtigen Format zur Verfügung. Ausserdem automatisieren sie Geschäftsprozesse und unterstützen die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern. Integrierende Systeme lassen sich in vier Dimensionen definieren:
1. Organisatorische Integration: Das Kurzzeitarchiv stellt allen Fachabteilungen die gleichen Informationen zur Verfügung und sorgt für eine prozessorientierte, abteilungs-übergreifende Verwendung.
2. Prozessintegration: Die Informationen werden in die Arbeitsprozesse der einzelnen Mitarbeiter integriert. Die Prozessintegration führt zu automatisierten und optimierten Geschäftsprozessen.
3. Datenintegration: Die Mitarbeitenden bekommen einen einfachen und effizienten Zugriff auf unstrukturierte und strukturierte Informationen in ihren spezifischen Anwendungen.
Krankenhausinformationssysteme (KIS), Pflegedokumentation, Enterprise Ressource Planning (ERP) und Customer Relationship Management (CRM) werden in das Archiv mit einbezogen.
4. Integration von Anwendungen: Die verschiedenen Anwendungen werden durch Datenintegrationsprozesse vernetzt. Dazu gehören neben den operativen Systemen auch Dokumentenmanagement und Collaborationslösungen.
Ein modernes Archiv im Gesundheitswesen ist damit mehr als nur ein kollektives Gedächtnis. Es dient unter anderem auch der Compliance und dem Wissensmanagement in der Organisation. Neben den verschiedenen direkt adressierten Nutzbereichen, wie z.B. der Compliance, können Unternehmen und Verwaltungen zusätzlichen Nutzen daraus ziehen. Der Archivservice vereinfacht zum Beispiel das Datenmanagement und die Integration von Prozessen. Voraussetzung für diese Integration sind verschiedene Schnittstellen vom und zum Archiv sowie die Möglichkeit, Workflows zu integrieren. IBM verwendet dafür spezielle Verfahren aus seinem weltweiten Wissensnetzwerk. Diese Schnittstellen erlauben es auch, die verschiedenen Partner im Gesundheitssystem zu verbinden. Ärzte, Spitäler, Apotheken, Versicherte und Versicherer haben Zugang zum digitalen Patientendossier und können mit ihren Endgeräten daran arbeiten.
Nutzen für den Patienten
Den vielleicht grössten Nutzen aber hätten die Patienten selbst. Sie könnten zum Beispiel über das Mobiltelefon oder das Internet selbst auf ihr Dossier zugreifen. Diagnose, Therapie und Kosten wären so transparent. Fehler bei der Medikation lassen sich so besser vermeiden. Weil die Daten langfristig für alle den Patienten betreuenden Professionals verfügbar sind, werden Unverträglichkeiten, Allergien und gefährliche Medikamentenkombinationen frühzeitig erkannt und schwerwiegende Folgen verhindert.
IBM-Symposium
Die Komplexität moderner Gesundheitssysteme ist ohne IT nicht mehr zu bewältigen. Archivierung, Informationsmanagement und -sicherheit sind deswegen auch Themen des IBM-Symposiums, das unter dem Motto «Let"s build a smarter planet» am 9. Juni im Kultur und Kongresszentrum in Luzern (KKL) stattfindet. Computerworld begleitet den Event als Medienpartner. Infos und Anmeldung: www.ibm.com/ch/events/symposium







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