Wie beim Umzug: Man sollte aufräumen, bevor man zügelt

» Von Barbara Mooser & Mark Schröder, 30.06.2017 15:20.

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CW: Wie entstehen neue Projekte? Wie sieht Ihr Innovationsmanagement aus?

Fuhrer: Seit 2013 haben wir das PostFinance Lab. Sowohl Interne als auch Externe können im Lab Ideen bis zur Marktreife vorantreiben, zum Beispiel eine Mitarbeiterin mit einem Studienkollegen. Unser Innovationsprozess hat zwei Jury Gates, die passiert werden müssen. Schon am Gate 1 sind Kaderleute von PostFinance dabei. Wer dort mit seiner Idee besteht, bekommt finanzielle Unterstützung – etwa 50 000 Franken – und hat dann sechs bis zehn Wochen Zeit, einen Prototyp zu entwickeln. Wir wollen verhindern, dass jemand seitenweise Konzepte schreibt. In Design Thinking aus­gebildete Coaches helfen, die Idee weiterzuentwickeln. Mitglieder der Direktion unterstützen ebenfalls, zum Beispiel bei der Wirtschaftlichkeitsrechnung oder Markt­positionierung. Schon im Gate 2 sitzt man unserem CEO gegenüber. Dann wird entschieden, ob ein Projekt daraus wird – in welcher Form auch immer: integriert oder über eine gemeinsame Firmengründung.

CW: Wie gross ist der Output an umsetzbaren Ideen?

Fuhrer: Ziel war es ursprünglich, etwa vier Ideen pro Jahr am Gate 2 zu haben. Heute haben wir sieben am Gate 2 und 24 am Gate 1. Das Lab hat uns auch intern geholfen, an Agilität zu gewinnen. Das heute sichtbarste Produkt aus un­serem Innovationsmanagement ist Twint.

CW: Kommen auch rein externe Teams, Start-ups zum Beispiel, mit ihren Ideen?

Fuhrer: Ja, viele, unser Ansatz im Innovationsmanagement hat sich herumgesprochen. Wir beobachten die Start-up-Branche. Die wenigsten Fintechs wollen wirklich eine Bank werden. Die ganze Compliance und die regulatorischen Anforderungen sind zu umständlich für sie. Darum suchen sie die Zusammenarbeit. Ich bin überzeugt, wenn man offen ist und gemeinsam Chancen nutzt, können sehr gute Produkte und Dienstleistungen entstehen.

CW: Sie haben sich in letzter Zeit an so einigen Start-ups beteiligt.

Fuhrer: Ja, Moneymeets zum Beispiel, ein Multibanking-Anbieter. Wir finden dieses Unternehmen interessant, weil wir womöglich bald unsere Schnittstellen für Dritte öffnen müssen. Darauf wollen wir vorbereitet sein und uns Know-how aneignen. Oder Tilbago, eine kleine Luzerner Firma, die den Betreibungsprozess digitalisiert. Ihr Produkt passt sehr gut zu PostFinance SmartBusiness, unserem Debitorenmanagement für KMU. Es gibt ganz verschiedene Formen, neue Geschäftsbereiche zu erschliessen.

CW: Zum Beispiel bei der Kreditvermittlung.

Fuhrer: Sie meinen Lendico. Diese Firma bietet alternative Finanzierungen in Form von Crowdlending. Letztes Jahr sind wir mit der Lendico Schweiz AG ein Joint Venture eingegangen. Sie wissen ja, PostFinance darf keine Kredite vergeben. Deshalb arbeiten wir beispielsweise im Hypothekarbereich mit Partnern wie Valiant oder der Münchener Hypothekenbank zusammen. Und bevor Sie fragen: Nein, das ist keine Umgehung des Gesetzes. Wir vermitteln nur, finanziert wird vom Partner. Dass wir nicht selbstständig Kredite vergeben dürfen, ist ein gewichtiger Wettbewerbsnachteil – gerade im aktuellen Zinsumfeld.

CW: Alle diese Start-ups haben mit dem Thema Bezahlen zu tun. Denken Sie auch in ganz andere Richtungen?

Fuhrer: Wir denken in alle Richtungen, die mit Finanzdienstleistungen zu tun haben. Die Entwicklung der Technologien spielt für Banken eine grosse Rolle: Machine Learning und KI werden uns sehr helfen.

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