Industrie 4.0: Was passiert mit der Unternehmenskultur?

Auch in einer durchgängig digitalisierten Geschäftswelt wird der arbeitende Mensch weiterhin im Mittelpunkt stehen. Erst durch seine Arbeitskraft entstehen aus der Vernetzung echte Potenziale für ein Unternehmen.

» Von Richard Müller*, 31.07.2017 07:37.

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* Richard Müller ist Dozent für Betriebswirtschaft und Personalmanagement an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Der Artikel wurde ursprünglich auf «weka.ch» publiziert.

Darüber, wie sich die Arbeitsplätze in der sogenannten «Industrie 4.0» entwickeln werden, herrscht keine Einigkeit. Sicher ist, dass sich die Schweizer Arbeitswelt in einem tiefgreifenden Wandel befindet. Die vierte industrielle Revolution verlangt nicht nur eine durchgängige Vernetzung und Digitalisierung der in- und externen Wertschöpfungsprozesse, sondern auch Unternehmenskulturen, die sowohl die Anpassungsfähigkeit an den Markt und eine hohe Produktivität garantieren, als auch den in den Produktionsstätten tätigen Menschen Sicherheit und Entwicklungsmöglichkeiten gewährleisten. Aus dieser Perspektive interessieren die Einflüsse der flexiblen Organisationsgestaltungskonzepte auf die Unternehmenskultur und daraus abzuleitende personalpolitische Anpassungsmassnahmen.

Zerreisst die Flexibilisierung die Unternehmenskultur

Starke Unternehmenskulturen zeichnen sich dadurch aus, dass deutlich vermittelt wird, was erwünscht ist und was nicht. Diese sogenannte Prägnanz zeigt wie klar und stimmig Orientierungsmuster und Werthaltungen in eine Organisation ineinanderfliessen und welchem Verhalten gefolgt werden soll. Durch unternehmensübergreifende Kooperationen und virtuelle Netzwerke entstehen durchlässige Gebilde mit ständig wechselnden Trennlinien zwischen Lieferant, Unternehmen und Kunden. Diese beinahe konturlosen Konstrukte erschweren den Zusammenhalt der Werte, Standards und Symbolsysteme einer Unternehmenskultur und führen in vielen Fällen zu Unklarheiten welchen Werten (denen des Lieferanten, Kunden oder denen der eigenen Firma) gefolgt werden soll. Anstelle verpflichtender Normen und Werte findet sich vielmehr ein Netz von nur lose verknüpften und häufig veränderten Handlungsmuster.

Das zweite Unterscheidungskriterium von starken Kulturen stellt das Ausmass dar, in welchem Mitarbeitende die Kultur teilen. In starken Kulturen wird das Handeln vieler Mitarbeitender von den gemeinsam geteilten Orientierungsmustern und Werten geleitet. Zeit- und ortsungebundene Arbeitsmöglichkeiten führen dazu, das Mitarbeitende sich seltener begegnen und weiniger gegenseitiger Austausch stattfindet. Dies kann unterschiedliche Vorstellungen über Normen und Werten wie auch eine Vielzahl von Handlungs- und Orientierungsmustern hervorbringen. Weiter führt nach Hirsch-Kreinsen (2014) die Digitalisierung zunehmend zur Polarisierung in die anspruchsvollen, interessanten Jobs und die nicht automatisierbaren, schlecht bezahlten Jobs. Polarisierend daher, weil es nur noch Fachkräfte am „oberen“ und „unteren“ Ende der Hierarchie gibt. Diese Arbeitssituation führt zu ausgeprägten Subkulturen unter der Arbeiterschaft.

Das dritte Kriterium gibt darüber Auskunft, wie tief die kulturellen Muster in einer Unternehmung verankert sind. In einer starken Kultur ist kulturkonformes Verhalten ein selbstverständlicher Bestandteil des täglichen Handelns. Unternehmenskultur entsteht, wenn Lösungen von wiederkehrenden Situationen immer wieder zumindest ähnlich funktionieren. Daraus wächst über eine längere Zeit hinweg Stabilität und Vertrautheit im betrieblichen Umgang. Die Flexibilität der Industrie 4.0 fordert eine ständige Anpassung an neue und schnell wechselnde Gegebenheiten. Dies verringert Routine sowie Vertrautheit und erschwert das Erreichen der für eine starke Kultur notwendigen Verankerungstiefe.

Starke Unternehmenskulturen haben Einfluss auf die Handlungsfähigkeit, die Identität und Motivation sowie Koordination der Arbeiterschaft. Was ist zu tun, damit die Unternehmenskultur unter dem Druck der Industrie 4.0 nicht zusammenbricht?

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KOMMENTARE

Moritz Uma: 10-10-17 15:05

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Arbeitsstelle von morgen bestimmt anders sein wird als die von heute. Aber Menschen werden immer gebraucht. Bestimmte Arbeitsprozesse und Aufgaben werden sich bestimmt verändern, sodass man als Arbeitnehmer stets flexibel sein sollte.
Zeiten verändern bestimmte Prozess, auch Prozess die schon seit Jahren etabliert sind. Es gibt eben in diesem Zusammenhang keine Garantien. Briefe und Fax, die seit Jahren benutzt wurden, wurden irgendwann von der E-Mail abgelöst.
Und jetzt? Wir kommunizieren überwiegend über Instant Messenger über die Chatfunktion. Das führt auch dazu, dass die Kommunikation sich ändert. Im Chat kann man ziemlich schnell Informationen austauschen (darunter leidet bspw. die Förmlichkeit). Und Unternehmen wie http://www.qnnect.com/de bringen Apps an den Markt, die solch eine Kommunikationsform auch in die Berufswelt integrieren wollen.
Es wird sich in Zukunft einiges verändern, bleiben wir gespannt was es sein wird.

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