Die IT als Denklabor

Dass sich die Technik stetig wandelt, sind IT-Entscheider gewohnt. Damit können sie umgehen. Doch wenn der gewinnbringende Verwendungszweck für die Technik erst gefunden werden muss, braucht es eine neue Denkweise.

» Von Mathias Haas, 07.07.2017 07:38.

Haben Sie heute schon Zeitung gelesen? Nachrichten geschaut? In Ihrem Lieblings-Blog gestöbert? Vielleicht waren Sie ja auch auf einer Messe oder an einer Veranstaltung Ihres Fachbereichs. Ganz gleich, was davon zutrifft: Sie haben das D-Wort gelesen oder gehört. Todsicher.

Nein, nicht Dieselskandal, gemeint ist natürlich die Digitalisierung. Mancherorts seufzen Medien und Veranstaltungsredner schon, man könne es nicht mehr hören. Etwa so abgedroschen wie seinerzeit das Wort «Nachhaltigkeit» komme das daher, und ausserdem wüssten die jüngeren Mitarbeiter ja eh nicht viel damit anzufangen, denn was gibt es da sonst noch? Analog? Oje! Das mit der Digitalisierung sei doch selbstverständlich, dazu muss man sich doch nicht extra Gedanken machen. Und damit zurück zum Tagesgeschäft.
Das Tückische dabei: Digitalisierung ist ein langfristiger Trend, der schon seit rund 30 Jahren andauert, seit der Erfindung der E-Mail. Und er wird weitergehen, ob Sie wollen oder nicht. Kein Unternehmen bleibt davon unberührt – und falls doch, ist es wohl bald zu spät. In allen Megatrends, die ich aktuell im Fokus habe, finden sich digitale Elemente. Nicht unbedingt in ihrem Kern, oft aber als sogenannte Enabler, als Möglichmacher.

Ein Bürogebäude, das mitdenkt

So zum Beispiel, wenn es um die bereits erwähnte Nachhaltigkeit geht: Für die Digitalisierung typische Dinge wie Vernetzung, Überwachung und intelligente Steuerung scheinen hier einen gewaltigen Vorteil zu bringen. In Amsterdam schickt sich mit «The Edge» eines der modernsten Büro­gebäude der Welt an, punkto Nachhaltigkeit neue Massstäbe zu setzen. Nutzerzentrierte Funktionalität und Energieeinsparung sind hier keine Gegensätze, sondern gehen Hand in Hand. Räume werden nur beheizt, wenn zu erwarten ist, dass sich jemand darin aufhält. Die Lichtstärke wird automatisiert oder vom jeweiligen Nutzer stets so angepasst, dass Wohlbefinden entsteht. Mit der hauseigenen App bezahlen Büroangestellte den Kaffee, sichern sich den Tagungsraum und nutzen die Maschinen im Fitnessstudio. Sensoren erkennen das Auto des Mitarbeiters bei der Ankunft, worauf es automatisch auf einen freien Parkplatz gelotst wird. Smartphone-App, Gebäudesensoren und die Datenverarbeitung im Hintergrund sorgen dafür, dass sich das Investment in die Technik amortisiert – laut Ankermieter Deloitte innerhalb von zehn Jahren. Und das nicht nur, weil die Security-Roboter ganz von selbst realisieren, wer fehl am Platze ist.
Ein digitales Gebäude? Mitnichten. Es bleibt eines aus Glas und Beton und mit Solarzellen obendrauf. Mit Wänden, Steckdosen und Wasserleitungen, wie wir das kennen. Und doch: Die Gigabytes anfallender Daten ermöglichen eine ganz neue Art des Betriebs, des Wohlfühlens für die Nutzer – sie sind Mittel zum Zweck. Das Verhalten der Menschen ist das Rohmaterial für das «intelligente Gesamtkonzert» im zurzeit nachhaltigsten Bürogebäude der Welt.

Es ist nicht wirklich verwunderlich, dass die Wirtschaftsprüfer an diesem Standort doppelt so viele Bewerber haben wie für andere Büros innerhalb der Niederlande. Ja, Digitalisierung kann richtig sexy machen! Und genau darum geht es: Neue Megatrends stehen für neues Verhalten. Daraus entwickeln sich neue Geschäftsmodelle, getrieben oder unterstützt von neuen technischen Möglichkeiten – eben diesen besagten Mitteln. Dazu ist es allerdings nötig, die geistigen Dimensionen des bisherigen Handelns zu verlassen und sich damit auseinanderzusetzen, was denn die anderen (!) Menschen so antreibt.

Dieser Artikel ist im Rahmen der Computerworld-Spezialausgabe «Swiss CIO» erschienen. Mehr zum Inhalt des Sonderhefts und zur Bestellung von Einzelausgaben geht's hier.

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