Koordinationsbedarf: Arbeitsplatzorganisation in Zeiten der Digitalisierung

» Von Michael Küng*, 01.05.2017 07:00.

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Das Transparenz-Paradoxon

Für die Arbeit im Grossraumbüro sind einige Dinge zu beachten. Arbeiten beispielsweise Chef und Angestellte im selben Büro, ist vom Chef Vertrauen gefragt. Denn zu viel Kontrolle kann die Produktivität abfallen lassen. Die Harvard Business School hat in einer Untersuchung festgestellt, dass Mitarbeitende, die weniger stark kontrolliert werden, gut 15 Prozent produktiver sind als ihre Kollegen an der kurzen Leine. Ohne Chef im Rücken arbeitet es sich schlicht entspannter und konzentrierter. Dabei sollte Transparenz die Leistung theoretisch steigern. Lösen lässt sich das Problem des «Transparenz-Paradoxons» erstaunlich einfach, nämlich indem der Chef seine tägliche Präsenzzeit einschränkt, schreibt der Managementexperte und Buchautor Klaus Werle in einer Kolumne für den Spiegel.

Ein ähnliches Problem mit der Transparenz haben auch die Teammitarbeiter untereinander. Nicht jeder, den wir gefragt haben, will beim Namen genannt werden, aber dieses Beispiel steht für viele: Ein kaufmännischer Angestellter teilt sich ein Grossraumbüro mit 13 Kollegen. Die gesellige Atmosphäre bei seinem Arbeitgeber, einem ETH-Spin-off in Dietikon, gefällt ihm. Mühe hat er damit, dass die Kollegen auch bei diskreten Aufgaben wie Lohnüberweisungen Blicke auf den Bildschirm erhaschen können. Wird ihm der Lärm zu viel, schottet er sich gerne mit Musik aus Kopfhörern ab, was auch schon mal zur Folge hat, dass er das Telefon überhört. Business Consultant Merlin Huber setzt deshalb lieber auf geräuschunterdrückende Kopfhörer, bei denen er das Telefonklingeln noch bemerkt. Er arbeitet für ein Zürcher Fintech-Unternehmen und schätzt an seinem Zweierbüro in einem Altbau vor allem die Zweisamkeit. «Alleine wäre mir zu einsam», sagt er. Dass er trotzdem auf Kopfhörer setzt, liege auch am Kaffeeschlürfen seines Kollegen, ergänzt er mit einem Augenzwinkern.

Überschätztes Grossraumbüro

Laut unserer Swiss-IT-Umfrage wünscht sich kaum ein Kader, egal ob aus der IT oder aus dem Mangement, ein klassisches Grossraumbüro. Eine multifunktionale Bürolandschaft ist hingegen für jeden Fünften der ideale Arbeitsplatz von morgen. Das erstaunt schon, denn aktuell arbeiten 9 von 10 befragte Kadermitglieder in Einzel- und Gruppen­büros. Und trotzdem sagen viele von ihnen, sie würden das zugunsten einer Google-ähnlichen Ordnung aufgeben. Gleichzeitig sehnt sich allerdings eine grosse Mehrheit der IT-Kader, die aktuell in Grossraumbüros arbeiten, nach einer alternativen Organisationsform. Versprechen sich die Entscheider also zu viel vom Grossraumbüro?

«Ja, ich glaube schon», sagt Barbara Josef. Die Mitinitiantin des Home Office Day schreibt an der HSG eine Dissertation über den Einfluss moderner Arbeitsformen auf Teams und Individuen und berät Unternehmen bei der Planung und Umsetzung neuer Ideen. «Zum einen ist wichtig, dass das neue Konzept zur Arbeits­kultur passt, zum anderen die Art, wie die Mit­arbeiter in diesen Prozess involviert werden», sagt sie. Zu den häufigsten Fehlern gehöre es, dass die Belegschaft nicht ernst genommen wird. Es sei deshalb wichtig, früh zu kommunizieren, dass Mitdiskutieren ausdrücklich erwünscht ist. Zudem mache es nicht in jedem Unternehmen Sinn, alles auf den Kopf zu stellen. «Wenn die Veränderungen zu radikal sind, riskiert man, einen Teil der Leute verlieren – wenn die Widerstände grösser sind als der Nutzen des Neuen, gewinnt niemand.» Josef empfiehlt deshalb eine sechsmonatige Pilotphase, in der sich Unternehmen und Mitarbeiter Gedanken darüber machen, was verbessert werden kann: «Was geändert wird, muss schliesslich zur Kultur des Unternehmens passen.»

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