Interview: Industrie 4.0 war gestern

» Von Michael Kurzidim*, 13.06.2017 07:00.

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CW: Machen das die Walmarts und die Migros dieser Welt nicht schon?

Schumann: Die grossen Ketten führen heute Warenkorbanalysen durch, um herauszufinden, wer wann welche Produkte kauft. Und sie beobachten den Wettbewerb. Ein junger Trend ist der Shop im Shop, etwa ein Blumen- oder Schokoladengeschäft. Schokolade und Blumen verkaufen sich immer. Entweder hatte der Kunde einen schlechten Tag und kauft die Blumen als Geschenk für seine Frau, um den Abend zu retten. Oder aber der Einkauf war erfolgreich und der Kunde nimmt die Blumen oder die Schokolade als Mitbringsel noch obendrauf. Mit Datenanalysen und Verhaltensmodellen können Sie beides steuern. Im Maschinenbau oder beim Transport läuft das ähnlich ab. Bei der italienischen Bahngesellschaft TrenItalia hat SAP die Wertschöpfung um 40 bis 50 Prozent verbessert. Daten zu sammeln ist erst der Anfang. Kombiniert mit Verhaltensmodellen und Prozesssteuerung stossen Sie in völlig neue Dimensionen vor.

«Wir können den Elfmeter beim Fussball mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent voraussagen.»

Auch der Fussball lässt sich mit Verhaltensmodellanalysen verbessern.  Was meinen Sie: Kann man mithilfe von Datenanalysen vorhersagen, wo ein Elfmeterschütze den Ball platziert?
CW: Individuell, für den einzelnen Schützen am Elfmeterpunkt?

Schumann: Ganz genau. Wir können das bereits in bestimmten Situationen mit einer Wahrscheinlichkeit von über 95 Prozent vorhersagen. Es gibt bestimmte Merkmale beim Elfmeter: der Druck auf den Schützen (seine Mannschaft führt oder liegt in Rückstand), die Schussgeschwindigkeit, die Anlaufgeschwindigkeit, die Schusstechnik (zum Beispiel Innen- oder Aussenseite etc.) und – jetzt kommt das Beste – der sogenannte biomechanische Vorteil oder Nachteil beim Anlauf . Unter Druck, also wenn die Mannschaft in Rückstand liegt, laufen manche Spieler beispielsweise  so unvorteilhaft an, dass sie nur noch in eine der beiden unteren Ecken schiessen können. Je nach Anlauf lässt sich sogar prognostizieren, in welche der beiden Ecke diese Spieler den Ball platziert.

Das ist komplett vorhersagbar. Diese Spieler würde ich unter Druck keinen Elfmeter mehr schiessen lassen.  Auf der anderen Seite gibt es Fussball-Genies wie Lionel Messi von FC Barcelona, ein raffinierten Trickser, dem kommen Sie selbst mit Machine Learning nicht auf die Schlichen. 

* Michael Kurzidim ist freier Technik- und Wirtschaftsjournalist

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