Interview: Industrie 4.0 war gestern

» Von Michael Kurzidim*, 13.06.2017 07:00.

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CW: Ist die Künstliche Intelligenz wirklich schon so weit?

Schumann: Über künstliche Intelligenz sprechen wir schon seit 30 Jahren, das ist nichts Neues. Aber bislang war KI nicht finanzierbar und nicht machbar. Heute aber haben wir die superschnellen Rechner, wir haben die Algorithmen und wir haben die Daten. Jetzt gibt es keine Ausrede mehr, die Hände in den Schoss zu legen und nichts zu tun. Feasibility (Machbarkeit), Affordability (Finanzierbarkeit) und Viability (Wirtschaftlichkeit) heissen die Hürden, die jede neue Technologie überwinden muss. KI ist heute technisch machbar, wirtschaftlich finanzierbar und durch Unmengen von Daten validierbar. Denn ohne ausreichend Daten können Sie kein Deep Learning durchführen, um die KI-Systeme zu trainieren.

CW: Können Sie einige Beispiele für praktische Anwendungen nennen?

Schumann: Nehmen Sie als praktische Geschäftsanwendung Invoice Verification (Rechnungserfassung und -überprüfung). Früher waren Millionen von Mitarbeitern weltweit damit beschäftigt. Heute kommen wir auf massive Automatisierungsraten. Eine weitere grosse Kategorie von Anwendungen sind Chat Robots. In China laufen bereits die ersten Algorithmen für Versicherungen: für das Claim Management, also die Schadensabwicklung, und den Versicherungsabschluss. Die ganze Vorarbeit leisten die Robots, Sie müssen sich das wie eine Online-Pizzabestellung mit allen Zutaten vorstellen, und erst am Ende übernimmt der Mensch, indem er die Pizza per Auto ausliefert.

«Wir stossen in eine Dimension vor, die so komplex ist, dass kein Mensch sie mehr überblicken kann. Die KI kann das aber schon.»

Früher lief das menügesteuert: für Thunfisch drücken Sie die Taste eins, für Zwiebeln die Taste zwei. Chatgesteuert erfahren Sie aber viel mehr über das, was ihre Kunden wollen, was sie wissen oder noch nicht wissen. Das Interessante: Chat-Robots lernen bei jeder Bestellung und können nach 1000 Bestellungen einem Kunden sein individuelles Lieblingsmenü offerieren. Es ist unglaublich, was man mithilfe der Algorithmen alles herausfinden kann.

Jetzt nehmen Sie Verhaltensparameter hinzu: Angenommen, eine Kollegin in ihrer sozialen Jogging-Gruppe hat Geburtstag und Sie wollen ihr etwas schenken. Der Algorithmus weiss, wie viel Geld Sie typischerweise für ein Geschenk auszugeben bereit sind. Er weiss auch, welche Artikel sich ihre Kollegin bereits angesehen hat, was ihre Lieblingsfarbe ist und welche Sportartikel Sie sich bereits gekauft hat – und macht ihnen nach diesen Parametern einen Super-Geschenkvorschlag. Bingo!

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