Silvia Finke ist Consultant bei Knobel Corporate Communications, u.a. für Fujitsu Technology Solutions
Letzten Sommer erschütterte eine eigentlich freudige Nachricht die Schweiz: Jasmin Staiblin, Chefin der ABB, verabschiedete sich in den Mutterschaftsurlaub. Schnell kochte eine Diskussion, ob eine Top-Führungskraft überhaupt schwanger werden dürfe. Das Bonmot vom Kapitän, der auf die Brücke seines Schiffes gehört, machte die Runde. Dass so manches Schiff nach spontanen Abgängen von vermeintlichen Kapitänen monatelang mit leerer Brücke über die Wogen des Markts segelt, interessierte da weniger. Auch ABB hatte nach dem unerwarteten Abtreten des ehemaligen Chefs Fred Kindle ein halbes Jahr einen Nachfolger gesucht – der Konzern überlebte es schon damals.
Generell ist in der Schweiz die traditionelle Rollenaufteilung noch stark verankert: Mütter gehören zu ihren Kindern – so mancher Mann traut sich erst gar nicht, Eltern- oder Teilzeit auch nur anzudenken. Dass es gerade im städtischen Umfeld immer noch zu wenige Betreuungsplätze für Kinder berufstätiger Eltern gibt, ist ein Zeichen dieser Haltung. Gerade bei Kleinkindern ist die Situation prekär. In der Familiengründungs-phase (30 bis 44 Jahre) müssen die Frauen dann beruflich kürzertreten. Dieser Schnitt ist radikal und damit vielleicht auch ein Grund für die sinkenden Geburtenzahlen in der Schweiz.
Eine Alternative zum kompletten Ausstieg ist die Teilzeitarbeit, der laut BSF mehr als die Hälfte der erwerbs-tätigen Frauen in der Schweiz nachgeht. Teilzeitarbeit bietet zwar auf der einen Seite die Möglichkeit, andere Arbeiten wie die Kinderbetreuung zusätzlich zu übernehmen, auf der anderen Seite bezahlt der zumeist weibliche Teilzeitarbeiter dieses Engagement mit nicht genutzten Entwicklungs- und Karrierechancen.
Andere Länder zeigen, wie’s geht
Ist das wirklich die einzige Chance? Müssen sich alle Frauen weltweit noch immer zwischen Beruf und Familie entscheiden? Nein. Es gibt sowohl gesellschaftliche als auch technische Möglichkeiten, die Kinder und Karriere vereinbar machen.
Ein interventionistischer, grosszügiger Staat, der positive Rahmenbedingungen schafft (z.B. Kanada, Skandinavien), unterstützt die Frauen genauso wie ein flexibler, offener Arbeitsmarkt (z.B. in den USA). In beiden Systemen steigen die Geburtenraten. Kanada und Skandinavien bieten Frauen einen einjährigen Mutterschaftsurlaub, Männern mehrwöchigen Vaterschaftsurlaub, genügend und erschwingliche Plätze zur Kinderbetreuung und eine für Familien attraktive Steuerpolitik. Der Lohn der Mühen: mehr als 7 von 10 Müttern mit Kleinkindern arbeiten. Auch unser Nachbarland Frankreich ist auf einem guten Weg. Da hier aber ausreichend Krippenplätze fehlen, warten die Mütter häufig die Schulphase ab, um wieder voll in den Beruf zurückzukehren.
Den gesellschaftlichen Möglichkeiten stehen in der Schweiz (noch) alte Denkschemata entgegen. Aber es bleiben immer noch die technischen Entwicklungen, die Veränderungen unterstützen. Durch moderne Technologien wie die Virtualisierung, kann immer von überall und zu jeder Zeit auf die Unternehmensdaten zugegriffen werden. Auf den ersten Blick ein Paradies und sicherlich ein gangbarer Weg für alle, die eben nicht immer im Büro ihre Arbeit tun können. Neben allen Vorteilen heisst das natürlich auch: kaum Einbindung ist das soziale Gefüge der Firma, keine spontane Kollegialität und viele Abende am Terminal.
To-Do-Liste der Schweiz ist lang
Was also müsste geschehen, um die Schweiz zu einem kinderfreundlichen Land zu machen und Eltern eine entspanntere Elternzeit zu bieten? Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik bei Travail.Suisse, listet ganz klar auf: Die Schweiz hat die «traditionelle Phase» (hohe Geburtenhäufigkeit, niedrige Erwerbsquote der Frauen) längst hinter sich, ist in der «modernen Phase» aber noch nicht angekommen. Neben den entsprechenden Geburtenzahlen gehören dazu: ein bezahlter Vaterschaftsurlaub, der über die «Begrüssungstage» hinausgeht, ein Elternurlaub, den sich die Eltern teilen können, qualitativ gute Betreuungsstrukturen und flexible Arbeitszeiten.
Noch ist es in der Schweiz nicht so weit. Dem Abenteuer «Kindererziehung» steht das ebenso spannende Abenteuer «Familienlogistik» (Karriere-, Krippen-, Freizeitplanung) entgegen. Dass das geht, beweist Anke Domscheit, Managerin für Regierungsbeziehungen bei Microsoft, einem Unternehmen mit vier Müttern in der deutschen Geschäftsleitung. Sie nutzt Videokonferenzen, steht mit den Kollegen über Instant Messaging und gemeinsame Datenbanken in Verbindung und muss ihr Privatleben nicht verstecken.
Für die Schweiz heisst das: nicht nur alle technischen Möglichkeiten einsetzen, sondern die Rollenbilder den tatsächlichen Rollen anpassen. Arbeiten wir daran!