![]() |
Aus Tausenden von Unternehmen weltweit ermittelt Red Herring jedes Jahr die 100 Besten. Die Kriterien sind beinhart, zu den ehemaligen Global-100-Gewinnern gehören Firmen wie Google, Yahoo, Skype, Salesforce und YouTube. Die Auszeichnung garantiert quasi den Erfolg. In diesem Jahr haben sich gleich fünf Schweizer Start-ups gegenüber der Konkurrenz durchgesetzt. Ihr Erfolgsrezept: eine gute Idee, innovative Technik, viel Herzblut und ein Quentchen Glück.
SECU4: Harte Gründerjahre
Die drei Gründer von SECU4 ([1] www.secu4.com) küsste die Muse auf dem IBM-Gelände in Zürich. Co-Gründer Clement Friderici rutschte auf dem Weg zum Meeting unbemerkt das Portemonnaie aus der Hosentasche. Dieses «Unglück» entpuppte sich nachträglich als Glücksfall. Denn eine freundliche IBM-Dame gab Friderici die Geldbörse zurück und brachte die drei auf eine ganz neue Geschäftsidee: Diebstahlsicherung für Wertsachen per Handy. «Eine solche Sicherung per Mobiltelefon gab es noch nicht auf dem Markt, wir waren die Ersten», erzählt Ralph Rimet, Mitgründer und CEO von SECU4. Die Anfangszeit sei ganz schön hart gewesen: «Ich habe acht Monate bei meinem besten Freund auf dem Sofa gelebt, um das Startkapital aufzubringen und die Firma zu gründen», erinnert sich Rimet. Schliesslich hatte er 1,5 Millionen Franken zusammen.
Die Mühe hat sich gelohnt. Anfang 2009 kam die Diebstahlsicherung BlueWatchDog in der Schweiz, den Niederlanden, Deutschland, Belgien und Grossbritannien auf den Markt. Der 69 Euro (99 Franken) teure BlueWatchDog besteht aus zwei Komponenten: einer Software, die der Benutzer auf seinem Mobiltelefon installiert, und einer aktiven, mit Lautsprecher ausgestatteten Karte, die in dem Diebstahl gefährdeten Gepäckstück oder Laptop untergebracht wird. Schnappt sich ein Dieb den gesicherten Laptop und entfernt sich zehn, 20 oder 30 Meter vom Handy, macht die Karte einen ohrenbetäubenden Lärm und warnt den Besitzer.
Alles, die Lautstärke und die Entfernung, könne der Nutzer jedoch parametrisieren, erklärt Rimet. Das Produkt hat so eingeschlagen, dass Rimet und sein Team bereits an einer zweiten Innovation basteln. Im zweiten Trimester 2010 soll die Kindersicherung BlueWatchKid in Gestalt einer Kinderuhr auf den Markt kommen.
Museeka: Google hilft nicht weiter
Lars Farnström, heute CEO von Museeka ([2] www.museeka.com), arbeitete damals eigentlich als Marketing-Fachmann für Siebel Systems. «Vor etwa vier Jahren war ich gerade dabei, Songs auf Amazon einzukaufen, aber Amazon und Google empfahlen mir nicht die Musik, die mir gefiel», erzählt Farnström von seiner Initialzündung, die ihn dazu brachte, zusammen mit Erik Schaepers und Philipp Oxnam die Musiksuchmaschine Museeka aufzuziehen.
Das Trio kam auf die Idee, die DNA eines Musikstücks mathematisch zu analysieren. Zusammen mit Ingenieuren der Ecole Polytechnique Fédéral de Lausanne und Museeka-CTO Sigurd Hogsbro entwickelten sie einen Algorithmus, der die musikalischen Muster von Songs aufspürt und ein etwa 20 Kilobyte grosses Song-profil erstellt. Gibt ein Nutzer den Titel seines Lieblingsstücks ein, dann vergleicht Museeka dessen Profil mit anderen und macht Musikstücke mit ähnlichen Eigenschaften ausfindig, die dem Benutzer ebenfalls gefallen sollten.
Im November geht Museeka mit etwa zwei Millionen Songprofilen an den Start. Der erste Launch erfolgt auf einem iPhone, weitere Plattformen folgen. Premium-Abonnenten zahlen 15 Franken pro Monat und können sich die Stücke in voller Länge anhören. Bei Freiabos dagegen sei nach 30 Sekunden Schluss, meint Farnström. Zwei Plattenlabels haben bereits die Verträge unterschrieben, Independent Artists werden Museeka gegen ein Entgeld als Promotion-Maschine nutzen können.
Axes: Kompass für Wanderer
Mary Lou von Wyl, Präsidentin von Axes Systems ([3] www.axes-systems.com), ist begeisterte Wanderin. «Auch beruflich bin ich häufig im Ausland unterwegs und auf gute Karten angewiesen», erzählt von Wyl. Oft halten die Karten und Navigationssysteme aber nicht das, was sie versprechen. Von Wyl und ihr Team entwickelten deshalb eine Software, mit der man digitale Karten editieren, also Symbole und Darstellungen verändern, austauschen oder ergänzen kann, um die Karten lesbarer und aktueller zu gestalten. Die erste Programmversion kam 2002 auf den Markt, zu den ersten beiden Kunden zählten die beiden deutschen Bundesländer Sachsen-Anhalt und Thüringen. 2003 entwarf das Team die Digitalversion des Diercke-Schulatlanten.
Heute hat Axes Systems Kunden in der Schweiz, in Deutschland, Grossbritannien und Osteuropa; Verhandlungen mit den USA laufen. Mehrere Hundert Einzellizenzen hat das Unternehmen, das eng mit Schweizer Universitäten zusammenarbeitet und mit der Uni Zürich zwei gemeinsame Projekte durchgeführt hat, bereits verkauft. Die Gemeinde der Gratisanwender ginge in die Tausende und einige der Kostenlos-Nutzer werden zu bezahlenden Kunden, weil sie das Produkt überzeuge und sie geschäftlich davon profitieren wollten, erklärt von Wyl. Business-Anwender müssen nicht unbedingt eine Lizenz erwerben, denn Axes Systems bietet die Karten-Software «axpand Professionell» auch als Software as a Service an.
CarryQuote: Finanzen per Quote
Die beiden Ingenieure und ehemaligen Hedgefond-Manager Lars Tvede und Michael Stennicke haben ihr Hobby, Handeln auf internationalen Finanzmärkten, zum Beruf gemacht. Finanzmärkte seien sehr komplexe Gebilde, es komme darauf an, die entscheidungsrelevanten Informationen herauszufiltern und übersichtlich zu präsentieren, betont Michael Stennicke, Gründer und CEO von CarryQuote ([4] www.carryquote.com). Die Kunden von CarryQuote seien dabei in einer ähnlich komfortablen Lage wie der US-Präsident, der tagtäglich von der CIA mit einem komprimierten, einseitigen Bericht versorgt werde, der alles Wissenswerte enthalte, meint Stennicke.
CarryQuote verfolgt dabei ein ähnliches, streng am Verbrauch orientiertes Geschäftsmodell wie iTunes: Kunden zahlen keine fixe monatliche Grundgebühr, sondern pro bezogener Echtzeit-Preisquote. «Das ist wirklich revolutionär und hat die Konkurrenz mit ihren klassischen Geschäftsmodellen ganz schön verärgert», freut sich Stennicke.
Ab durchschnittlich 20 US-Dollar pro Monat analysiert CarryQuote die Daten von mehr als 83 internationalen Finanzmärkten. Anfang 2009 kam das Produkt auf den Markt, zu den ersten Kunden gehörten Schweizer Fondsmanager. Heute zählt CarryQuote Anleger aus der Industrie, Broker, Hedgefonds-Manager und Medienunternehmen aus der ganzen Welt zu seinem Kundenstamm.
Collanos: Echtes Teamwork
Schon früh setzte Franco Dal Molin auf den Megatrend Teamarbeit und Peer-to-Peer. 2003 gründete er in Zürich die Firma Collanos Software ([5] www.collanos.com); gesucht war eine einfach bedienbare, serverlose, flexible und plattform-übergreifende Lösung. Anfangs unterstützten Familie und Freunde Dal Molin bei der Finanzierung seiner Geschäftsidee. Entwicklerteams in der Ukraine und Bulgarien kümmerten sich um die Programmierung. Später kamen Business Angels mit ins Boot.
Heraus kam eine in Java programmierte Peer-to-Peer-Lösung für die firmenübergreifende Teamarbeit, die auf Open-Source-Komponenten wie JXTA (Juxtapose) basiert und die transportierten Daten nach AES 256 verschlüsselt. Zent-rale Server braucht es keine, die Plattform ist das Internet. Teamdaten werden ausschliesslich auf den Rechnern der Teammitglieder gespeichert. Voraussetzung ist allerdings, dass jedes Mitglied den kostenlosen Software-Client Collanos Workspace 1.4 auf seinem Mac-, Windows- oder Linux-Rechner installiert hat.
«Das Konkurrenzprodukt, das uns am nächsten kommt, ist Microsoft Groove, aber unser Geschäftsmodell funktioniert ganz anders», sagt Collanos-CEO Peter Helfenstein. Die Basisfunktionalität von Collanos Workplace sei kostenlos; Nutzer zahlten lediglich für die Premium-Zusatzdienste von Collanos-Partnern wie VoiP-Telefonie. Über 33330 Nutzer – Start-ups, kleine Firmen, internationale Projektteams – arbeiten heute mit der Unified-Collaboration-Lösung, davon 7500 im deutschsprachigen Raum.